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Eine Automanufaktur als zweites Standbein Leidenschaft für E-Fahrzeuge

1995 erwarb Matthias Bähr den Meisterbrief im Gebäudereiniger-Handwerk. Den Hang zum Tüfteln konnte der gelernte Flugzeugmechaniker aber nie ganz unterdrücken. In seiner neuen Werkstatt in Dresden-Weixdorf werden allerdings keine „Flieger“ gebaut und repariert, sondern Kleinwagen mit elektrischem Antrieb.

-Ehefrau Silvia ist Hotelfachfrau und hatte 1997 einen Haushaltsservice gegründet. „Das Geschäft florierte, doch nach Inkrafttreten der 2. Stufe der Ökosteuer Ende 2002 drohten die Unterhaltskosten für unseren Fuhrpark zu explodieren“, erinnert sich Matthias Bähr. Die Preiserhöhung für Treibstoff war Grund genug, nach einer Alternative zu suchen. Damit begann eine Erfolgsstory, die schließlich zur Entwicklung des „Citysax“ und der Gründung einer Manufaktur für E-Fahrzeuge führte.

2003 wurde die AEDES Dienstleistungen GmbH gegründet. Schon kurz zuvor hatte der Unternehmer begonnen, den Fuhrpark auf Kleintransporter umzustellen, die er aus einer Steckdose vor der eigenen Haustür betanken kann. Die Anschaffung der Fahrzeuge war zwar teuer, doch die geringeren Betriebskosten entlasteten spürbar das Firmenbudget. Und noch ein Vorteil: „Der geräuscharme Motor schont mein Nervenkostüm. Ich fahre absolut stressfrei.“

Des Unternehmers Favorit ist ein knallroter „Hotzenblitz“, mit dem er seine Kunden besucht: „Dieser Wagen fällt überall auf und ist Gesprächsthema Nummer eins. Erst später wird dann über einen neuen Auftrag geredet, und zwar meistens erfolgreich.“ Ein E-Auto als Mittler von Mensch zu Mensch? Matthias Bähr mag das nicht ganz ausschließen. Fakt ist, dass die Betriebskosten außerordentlich günstig sind: „Hundert Kilometer Strecke kosten mich schlappe anderthalb Euro“, hat er ausgerechnet.

Pech allerdings, dass die Industrie nur wenige Jahre nach der Renaissance des Elektroautos in den neunziger Jahren den Bau wieder einstellte. Dabei haben elektrisch betriebene Fahrzeuge eine über hundertjährige Geschichte. 1888 hatte die Coburger Maschinenfabrik A. Flocken einen batteriebetriebenen Pkw auf den Markt gebracht. Später entwickelten auch andere Hersteller verschiedene Typen. E-Motoren standen allerdings stets in Konkurrenz zum Verbrennungsmotor. Als dann um 1910 der Anlasser die Startkurbel ablöste und überall preisgünstiges Benzin getankt werden konnte, wurden die emissionsfreien Elektrofahrzeuge für Jahrzehnte in ein Nischendasein zurückgedrängt.

Erfindertrio mit Unternehmergeist

Erst mit der Ölkrise Anfang der neunziger Jahre und zunehmendem Umweltbewusstsein erlebte der Elektroantrieb eine Renaissance, allerdings nur für kurze Zeit. Einige Hersteller entwickelten nun moderne E-Fahrzeuge und nahmen vorübergehend die Serienproduktion auf. Matthias Bähr: „Citroën und Peugeot zum Beispiel bauten Kleintransporter, die sich in unserem Betrieb hervorragend bewähren.“

Der „Hotzenblitz“ war um 1990 durch Schwarzwälder Ingenieure als einziges ausschließlich für den E-Antrieb bestimmtes Auto Deutschlands konstruiert worden und wurde ab 1993 in der Suhler Fahrzeugwerk GmbH gebaut. Nachdem 1996 das 140. Auto die Werkstatt verlassen hatte, wurde die Herstellung wegen Kapitalmangels eingestellt. Elektroautos waren und blieben Mangelware und 2006 wurde auf dem Markt kein einziges neues Fahrzeug mit E-Antrieb mehr angeboten, erinnert Matthias Bähr.

Er resignierte jedoch nicht, sondern die klaffende Marktlücke stachelte nur seinen Enthusiasmus an: „Zwei Freunde aus der sächsischen Elektromobil-Interessengemeinschaft und ich beschlossen, selbst ein Fahrzeug zu entwickeln“, berichtet der Unternehmer. Trotz anfänglicher Misserfolge ließ das tüftelnde Trio nicht eher locker, bis es im Juli 2009 den postgelben Prototyp des „Citysax“ aus der Taufe heben und von der Zulassungsbehörde absegnen lassen konnte. Im September des gleichen Jahres gründeten zwei Mitglieder des Entwicklerteams die Citysax Mobility GmbH. Geschäftsführer ist Matthias Bähr. Mitgesellschafter Dirk Hunecke, Diplomingenieur für Automatisierungstechnik, ist seit einigen Jahren auch begeisterter E-Auto-Fan und Geschäftsführer der Hunecke Engineering GmbH.

In einer Garage wurde eine Manufaktur gegründet

Diente zu Beginn der Entwicklungsarbeiten ein benzinbetriebener Daihatsu Cuore als „Versuchsobjekt“, so musste sich das Team nach Einstellung der Serienproduktion neu orientieren. Bähr: „Wir entschieden uns für den Chevrolet Matiz als Basisobjekt und nach längerem Probefahrbetrieb, der Teilnahme an der Solarrallye anlässlich der Mobilitätskonferenz in Wietow und weiteren Verbesserungen - u.a. statteten wir das Fahrzeug mit eigens entwickelten Lithium-Eisen-Phosphor-Batterien aus - stellten wir unseren ‚Citysax‘ auf der internationalen Fachmesse für Energie Enertec in Leipzig Anfang 2009 einem internationalen Publikum vor.“

Der „Citysax“ ist wendig und kann sich aufgrund des drehmomentstarken Antriebs schnell im Stadtverkehr bewegen, ist aber ebenso gut für Überland- und Autobahnfahrten geeignet. Die hohe Dachlinie ermöglicht eine hervorragende Übersicht und Kopffreiheit. Trotz des Elektroantriebs ist der Fahrgastraum für bis zu vier Personen großzügig bemessen. Vier Türen, erhöhte Sitze und die Zentralverriegelung ermöglichen komfortables Ein- und Aussteigen. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h kann das Fahrzeug pro Batterieladung eine Strecke bis zu 120 km zurücklegen. Das Aufladen ist in sechs bis acht Stunden an jeder handelsüblichen Haushaltssteckdose möglich und kann mit Hilfe eines Starkladers auf zwei bis drei Stunden gesenkt werden.

2009 wurde die Produktion gestartet. Seit einigen Monaten befindet sich die Elektroauto-Manufaktur unter einem Dach mit der AEDES Dienstleistungen GmbH. Matthias Bähr: „Unsere Geschäftsräume drohten aus allen Nähten zu platzen. Da entdeckte meine Frau ganz zufällig in Weixdorf ein ehemaliges Autohaus, das für die Zusammenlegung beider Unternehmen wie geschaffen schien.“

Autos für Menschen mit Hang zur Individualität

Endlich ist genug Platz für das Lager und die Büroräume, die Fläche der Manufaktur konnte verdoppelt werden. Das Spezialistenteam aus der alten Werkstatt zog mit in das neue Objekt. Zur Mannschaft gehören ein Elektroniker, ein Kfz-Mechaniker sowie ein Student der Fahrzeugtechnik.

Der Bau des Kleinserienfahrzeugs ist das Flaggschiff der Manufaktur. Außerdem werden unter Anwendung modernster Technik Sonderlösungen wie zum Beispiel der „Haflinger“ als geländegängiger Geräteträger sowie Reparaturen an allen Elektroautos durchgeführt. Das Leistungsspektrum reicht weiter von Inspektionen über die Vermittlung von gebrauchten E-Fahrzeugen bis hin zum TÜV. Nach der erfolgreichen Konstruktion des „Citysax“ konzentriert sich die Entwicklungsarbeit nun auf einen sportlichen Prototyp, den Elektroroadster mic7.

Dass das Interesse an E-Fahrzeugen zunimmt, belegen zahlreiche Anfragen von privaten und gewerblichen Interessenten sowie renommierter Unternehmen wie Lufthansa, Fraport und dem ostsächsischen Energieversorger Enso. Spannend ist die Zusammenarbeit mit Hochschulen in Dresden, Kempten und Heilbronn. Wohl nicht zuletzt im Hinblick auf den nationalen Entwicklungsplan für Elektromobilität, demzufolge 2020 auf Deutschlands Straßen eine Million E-Fahrzeuge rollen sollen, stellt die Industrie neuerdings wieder E-Autos in Serie her. Der neue Trend kann aber den Optimismus des Unternehmers nicht trüben: „Der Markt wird zwar enger für Standardlösungen. Es wird aber immer Menschen geben, die sich ein individuelles Auto leisten möchten und können.“

Reinhard Wylegalla | markus.targiel@holzmann-medien.de

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