Praxis -

In Bus und Bahn: Sicher unterwegs trotz ­Corona

Nutzer des ÖPNV sollen sich auch in Zeiten von COVID-19 in Bussen und ­Bahnen sicher fühlen. Wie das über ein umfangreiches ­Reinigungs- und Hygienekonzept gelingen kann, zeigt ein Beispiel aus Hamburg.

In den vergangenen zwölf Monaten wurden in Deutschland diverse Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie eingeleitet: Ein zweiter Lockdown, Abstandsregeln, Maskenpflicht in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens, Kontaktbeschränkungen.

Mittlerweile haben wir unseren Alltag weitestgehend darauf ausgerichtet. Das bekommt auch der ÖPNV zu spüren: Menschen arbeiten verstärkt im Homeoffice. Andere setzen, wenn sie ins Unternehmen fahren, bei der Wahl des Verkehrsmittels eher auf ihr eigenes Fahrzeug. Demzufolge machen sich Verkehrsbetriebe Gedanken um die Auslastung ihrer Flotte. Die Hamburger Hochbahn – zweitgrößtes Nahverkehrsunternehmen in Deutschland – geht mit ihrem Dienstleister Tereg Gebäudedienste über eine Vielzahl an Hygienemaßnahmen neue Wege, die sowohl den Fahrgästen als auch den eigenen Mitarbeitern ein Gefühl der Sicherheit vermitteln sollen.

Sechs Stufen für die ­persönliche ­Sicherheit

Unter Hochdruck arbeiteten Verkehrsunternehmen und Dienstleister im Frühjahr 2020 an einem sechsstufigen Hygienekonzept, welches die Maßnahmen im gesamten Streckennetz der Hochbahn, also auf allen Buslinien, Haltestellen, Busumsteigeanlagen und Betriebshöfen, genau definiert. Die Zielsetzung: Unterbrechung der Infektionsketten innerhalb der gesamten ÖPNV-Infrastruktur. Wichtiger Bestandteil sind vor allem zusätzliche hygienische Reinigungen an Haltestellen und in Fahrzeugen, und zwar im laufenden Betrieb und damit für jeden wahrnehmbar.

Desinfizierende Reinigung in der Nacht

Marc Liedtke, Betriebsleiter "Technische Dienstleistungen", beschreibt zunächst zwei der sechs konzeptionellen Bausteine, die in der Nacht umgesetzt werden: "Im Bus- und U-Bahnbereich ist das die ­desinfizierende Reinigung des Fahrerarbeitsplatzes inklusive aller Bedienelemente. Darüber hinaus reinigen wir sämtliche Kontaktflächen in Bussen und Triebfahrzeugen, wie beispielsweise Haltestangen, -schlaufen und -griffe, Bedien- und Signalknöpfe." Die Arbeiten finden auf den insgesamt sechs Busbetriebshöfen sowie während der Betriebspause in den Kehr- und Abstellanlagen des U-Bahnnetzes statt.

Die eigens dafür entwickelte Reinigungsmethode ist nicht nur aus ökologischen Gesichtspunkten sinnvoll, sondern – unter Berücksichtigung der Geschwindigkeit, mit der sich das Virus ausbreitet – auch zügig und benutzerfreundlich umsetzbar.

Zwei Arbeitsboxen - für frische und gebrauchte Reinigungstücher

Jeder Mitarbeiter der Hygieneteams führt auf seiner Tour zwei Arbeitsboxen mit sich. Eine davon beinhal­tet frische, mit Reinigungslösung vorgetränkte Tücher, die andere wird im Abwurfsystem im Zuge der Arbeiten mit den gebrauchten Tüchern gefüllt. Gereinigt wird in der 16er-Faltmethode, damit jede Tuchseite nur einmal auf der Fläche benutzt wird. Anschließend landen diese in der mitgeführten Abwurfbox. Die verwendeten Textilien werden stationär gesammelt, gewaschen, desinfiziert, vorgetränkt und anschließend dem Reinigungszyklus wieder zugeführt.

Den ÖPNV sauber am Laufen halten

Bei Tereg hat man sich bewusst gegen die Anwendung des Sprühverfahrens entschieden: "Die Sprühreinigung erzeugt nicht nur eine zusätzliche Aerosol­bildung im öffentlichen Raum, die wir vermeiden wollen. Häufiges Nachfüllen der Flaschen reduziert auch die Reinigungszeit durch steigende Rüstzeiten und kann in Außenstandorten wegen fehlender Möglichkeiten oftmals nicht stattfinden. Aufgrund der engen Zeitfenster bei den Standzeiten der Fahrzeuge können mit vorgetränkten Tüchern im gleichen Zeitraum mehr Fahrzeuge bearbeitet werden. Zusätzlich ist eine Über- oder Unterdosierung ausgeschlossen", berichtet Marc Liedtke. Die Praxis zeige, "dass in der Sprayreinigung häufig mit zu wenig Tüchern gearbeitet wird. Mitarbeiter müssen dann mit Tüchern und Reinigungsflotte zu viel Equipment mitführen. Da werden die Tücher dann gerne irgendwo deponiert und es wird mit nur einem Tuch gearbeitet."

Mit den beiden Maßnahmen in der nächtlichen desinfizierenden Reinigung erreichen die Hygiene­teams tatsächlich einmal am Tag alle Kontaktflächen. "Und damit leisten wir einen wesentlichen Beitrag zur Keimreduzierung bei gleichzeitiger Risikominimierung einer Kreuzkontamination", betont Liedtke. Das lässt die Mitarbeiter der Hochbahn schon mal deutlich entspannter in die Schicht gehen.

Die sichtbaren Maẞnahmen im laufenden Betrieb

Die übrigen vier Punkte des Hygienekonzepts ­sehen die sichtbaren Reinigungsmaßnahmen im ­laufenden Verkehrsbetrieb vor – als Signalwirkung für ­alle ÖPNV-­Nutzer. Flankiert werden die operativen Maßnahmen durch eine breit angelegte HVV-Marketing-­Kampagne, die sich mit klaren Botschaften direkt an die Fahrgäste richtet.
Die für Fahrgast und Fahrer sichtbare Reinigung in Form von Umlaufreinigungen an den Verkehrsschwerpunkten der Hochbahn wie auch der Einsatz mobiler Hygieneteams an den Haltestellen bilden den Kern des Hygienekonzepts: Sie finden auf den großen Bus­umsteigeanlagen, an den Endhaltestellen der U-Bahnen und Busse und rollierend auf den Haltestellen durch eigens für diese Aufgabenstellung rekrutierte und geschulte Mitarbeiter statt.

Eine Umlaufreinigung ist per Definition die Grobreinigung eines Fahrzeugs an Endbahnhöfen oder Endhaltestellen. Dort erfolgt zeitlich eng getaktet die Beseitigung von Grobschmutz vor der nächsten planmäßigen Fahrt in der laufenden Tour. Im Juni 2020 wurde diese Dienstleistung um die hygienischen Reinigungsleistungen im Umlaufbetrieb erweitert.

Marc Liedtke sagt: "Unsere durch markante Arbeits­kleidung ausgewiesenen Hygieneteams zeigen ständige Präsenz. Die Wirkung auf Fahrgäste und Pendler ist dabei nicht zu unterschätzen: Seit Beginn der Corona-Krise benutzen viele Menschen Desinfektionssprays und Reinigungstücher. Fortwährend behandeln sie damit Griffleisten und Kontaktflächen, Türklinken und Einkaufswagen, weil sich eine gereinigte Oberfläche einfach besser anfühlt und die Menschen infolgedessen ein Stück weit sicherer fühlen lässt, insbesondere in Bereichen, wo viele ­aufeinandertreffen. Natürlich schafft keine unserer Aktivitäten, ob im beruflichen oder privaten Bereich, eine hundertprozentige Keimfreiheit, jedoch reduzieren wir die Keimzahl deutlich“, sagt Liedtke.

Mobile Hygieneteams im Einsatz

Hamburg zählt knapp zwei Millionen Einwohner, Pendler aus dem Umland nicht mitgerechnet. Rund 1,2 Millionen Fahrgäste nutzen täglich das Angebot der Hochbahn. 1.402 Bushaltestellen, 93 U-Bahn-Halte­stellen, knapp 1.000 Busse und 270 U-Bahn-Triebfahrzeuge – diese Eckdaten begleiteten den Dienstleister und das Verkehrsunternehmen nicht nur bei der Planung des Projekts "Hygieneteams im ÖPNV". Auch die logistische Umsetzung war anfangs eine große ­Herausforderung. In umfangreichen Hygieneschulungen – ausgeführt durch eigene fachkundige Desinfektoren – bereitete der Dienstleister die neuen Mitarbeiter vor. Nach der Theorie dann die Praxis: An ihren Einsatzorten – Busumsteigeanlagen, Haltestellen, in den Fahrzeugen – wurden die 16 Kollegen im Umgang mit dem Tuch, dessen Einsatz auf der Oberfläche und vor allem mit Blick auf den eigenen Gesundheitsschutz eingearbeitet.

Marc Liedtke erläutert: "Unsere Arbeitspraxis soll den Mitarbeitern von Anfang an klar sein: der Sinn der 16er-Faltmethode, die Abwurfmethode, die Reinigung und Desinfektion der Tücher wie auch der mini­male Einsatz von Reinigungsmitteln, denn eine Über- ­beziehungsweise Unterdosierung ist hierbei ausgeschlossen. Unsere Erfahrung zeigt: Je sorgfältiger wir die Inhalte vermitteln, desto besser funktioniert im Anschluss die praktische Umsetzung." Der Betriebsleiter sagt: „Wir haben es hier mit nicht sichtbarem Schmutz zu tun, was im Umkehrschluss bedeutet: Der Reinigungserfolg ist auch nicht sichtbar. Wir wissen, dass unsere besondere Aufgabenstellung von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Deshalb sollten unsere Mitarbeiter dem interessierten Fahrgast oder Kollegen der Hochbahn die Vorgehensweise schon erklären können."

Im Frühsommer 2020, begleitet von einem hohen Medien­interesse, fiel der Startschuss für die Hygiene­teams in Hamburg. Deutschlandweit war Tereg mit Maßnahmen zur hygienischen Reinigung im ÖPNV damit der Vorreiter.

Sauberkeit im Minutentakt

Rund um die Uhr im Einsatz, liefern die Hygieneteams Sauberkeit im Minutentakt. Das wird registriert: Nicht selten kommt es vor, dass ein Reiniger von einem Fahrgast einen Kaffee spendiert bekommt oder ein Dankeschön erhält. Mit Smartphone ausgestattet, sind die Frauen und Männer im gesamten Hochbahn-Strecken­netz unterwegs, parallel zu den Kollegen, die alle übrigen Reinigungs- und Serviceleistungen für das Verkehrsunternehmen erbringen.

Marc Liedtke erinnert sich: "Eine Mammutaufgabe war die Ermittlung der Zeiten für die einzelnen Arbeits­schritte, die auf die Hochbahn-Betriebsabläufe minu­tiös abgestimmt werden mussten." Innerhalb einer Standzeit von acht bis zwölf Minuten kann ein ­Gefäß (Sprachgebrauch für unterschiedliche Fahrzeuggrößen), je nach Größe, gereinigt werden. Die Kombination aus unterschiedlichen Gefäßgrößen und variierenden Standzeiten ergaben den Personalbedarfsplan. Durch einen Standortwechsel innerhalb der U-Bahn­linien entstanden weitere Touren, sodass schlussendlich alle Haltestellen angelaufen werden können.

"Auch jetzt, nach einem Dreivierteljahr im Einsatz, haben wir die Optimierung der Tourenplanung immer im Blick. Allein durch die Fahrplanänderung von Sommer auf Winter ist dies notwendig", berichtet Marc Liedtke. Mittlerweile ist der Dienstleister nicht nur für die Hochbahn im Einsatz, sondern übernimmt auch flächendeckend für die VHH (Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein) die hygienische Umlaufreinigung an allen VHH-Standorten in der Hansestadt. "Und stehen diese Busse an den Haltestellen“, sagt Marc Liedtke, "setzen wir auch dort die hygienische Reinigung um."

Der Betriebsleiter resümiert: "Alles in allem hat uns die Umsetzung des Hygienekonzeptes ein ganzes Stück nach vorne gebracht. Denn viele unserer Dienstleistungen laufen parallel und inzwischen nahezu störungsfrei an 365 Tagen im Jahr." Ähnlich verhält es sich aus Sicht von Marc Liedtke auch in anderen Branchen, beispielsweise dem Gesundheitswesen, der Industrie oder Produktion. "Wichtig ist, Auftraggeber und verantwortliche Schnittstellen vom ersten Schritt an zu involvieren, gemeinsam den Bedarf zu analysieren, die Machbarkeit zu prüfen und daraus die einzelnen Schritte abzuleiten. Die Rekrutierung des Personals, eine flächendeckende Materialbeschaffung und -sicherstellung sowie eine gründliche Einarbeitung stellen das Projekt dann auf sichere Füße."

Häufigere Fahrzeuggrundreinigung ­während der Pandemie

Der VDV (Verband Deutscher Verkehrsunternehmen) empfiehlt den Verkehrsunternehmen in Zeiten von Corona die verstärkte Durchführung von Grundreinigungen. Hierbei werden die Fahrzeuge vom Dach bis zum Boden inklusive der Sitzpolster einer vollumfänglichen Reinigung unterzogen: Eine Ansteckung über gereinigte Oberflächen ist ausgeschlossen.

Marc Liedtke weiß jedoch: "Für unsere Mitarbeiter in der Grundreinigung fühlt es sich nicht gut an, die Oberflächen wie gewohnt zu behandeln. Psychischer Stress sorgt hierbei für eine unangenehme Arbeits­atmosphäre. Das kann unter Umständen sogar zu Ausfallzeiten des Personals führen. Daher haben wir – als Produkt- und Verfahrenstest, losgelöst vom regulären Auftragsumfang der Hochbahn – zwei zusätzliche Methoden zur Oberflächenvorbehandlung getestet und für gut befunden.“ Beide Verfahren ersetzen die Grundreinigung nicht. Sie sind auch nicht neu, bieten jedoch zusätzliche Sicherheit für die Mitarbeiter.

Bei der ersten Methode wird durch ein elektrostatisches Sprühverfahren die Oberfläche mit einem zugelassenen Desinfektionsmittel benetzt. Marc Liedtke erklärt: „Der Vorteil hierbei ist das gleichzeitige Benetzen der Flächenrückseite, die nicht direkt angesprüht wird. Das Gerät funktioniert im Akkubetrieb. Nachteilig könnte die ausgebrachte Feuchtigkeit sein, welche sich auch auf empfindliche Bauteile legen könnte. Bereits nach einer Einwirkzeit von fünf Minuten kann die Grundreinigung beginnen."

Die zweite Methode ist das Kaltfogging. "Das Fahrzeug wird von hinten nach vorne einmal komplett über den Gang vernebelt", beschreibt Marc Liedtke. "Dabei ­legen sich kleinste nebelfeine Tröpfchen auf sämtliche Oberflächen, obwohl diese nicht direkt besprüht wurden. Bereits nach 15 Minuten und einer gründlichen Fahrzeuglüftung kann die Grundreinigung beginnen. Der Vorteil ist hierbei die geringe Feuchtigkeit an den Oberflächen, aber man hat längere Wartezeiten."

Beide Methoden haben sich bei sachgemäßer Anwen­dung als probat herausgestellt. "In jedem Fall", sagt Marc Liedtke, "sind diese Einsätze immer auf die Fahrzeugtypen auszurichten und vor allen Dingen mit dem jeweiligen Auftraggeber abzustimmen."

Elke Herm, Tereg | markus.targiel@holzmann-medien.de

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