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Exoten im Radsport Im Dreierpack auf dem Drahtesel

Eugen Claß kann man durchaus als Extremsportler bezeichnen: Ob mehr als 1.200 km auf dem Rad am Stück oder 100 km laufen der Kärcher-Anwendungstechniker liebt die sportliche Herausforderung, bei der er seine körperlichen Leistungsgrenzen ausloten kann.

-Wenn die Claß-Brüder Eugen, Roland und Andreas mit ihrem Rad unterwegs sind, sorgen sie für Aufmerksamkeit. So mancher dreht sich dann um, wenn das 3,6 m lange Tridem, Marke Eigenbau, mit 80 km/h vorbeizischt. Denn: „Es gibt auf dem Markt so gut wie keine Tridems. Wir selbst haben bis jetzt nur einmal ein Tridem fahren sehen, obwohl wir schon bei vielen Großveranstaltungen waren. Es wurde von drei Schülerinnen zu Werbezwecken bewegt“, erzählt Eugen Claß. „Wir sind der Überzeugung, dass wir weltweit das einzige Tridem-Team sind, das solch lange Distanzen fährt: Beim Rennen ParisBrestParis mit 1.230 km am Stück sind wir das erste Tridem, das gefinisht hat.“ Insofern sind die Brüder bei allen Veranstaltungen der „Eyecatcher“.

Die Brüder erhalten überall ausschließlich positives Feedback: Da wird schon mal spontan vom Straßenrad aus applaudiert, wenn das Tridem auftaucht; Autofahrer fahren rechts ran, um das ungewöhnliche Gefährt samt Besatzung zu fotografieren; Motorradfahrer begleiten das Tridem für eine Weile und die Daumen gehen nach oben; und Kinder finden das Tridem einfach nur „cool“. „Wenn wir auf unseren längeren Touren im Supermarkt einkaufen, stehen meistens ein paar Interessierte um das Rad herum und möchten wissen, wie sich das Monster fährt, ob sich einer während der Fahrt ausruhen kann, wer schaltet, bremst etc.“

Eine Idee wird geboren

„Da wir begeisterte Radfahrer sind, jedoch unterschiedliche Fahrräder fahren, kam es bei unseren Radausflügen immer wieder vor, dass der eine am Berg schneller fuhr, der andere dafür umso besser die Abfahrt hinunterfetzte. Dadurch war die ganze Geschichte ziemlich unausgeglichen“, berichtet Eugen Claß über die Hintergründe, die schließlich im Winter 2006 in der Idee mündeten, ein Tridem zu bauen. Die Vorteile lagen klar auf der Hand: „Gemeinsam starten, gemeinsam ankommen. Zudem kann man sich während der Fahrt prima unterhalten ohne nebeneinander fahren zu müssen.“ Ein paar alte Rahmen und Fahrradteile hatte sowieso jeder im Keller, somit konnte das Projekt „Tridem“ starten. So entstand das erste Tridem aus drei alten Fahrradrahmen, die zersägt und entsprechend zusammengeschweißt wurden sowie aus Resten von Radkomponenten. Die „Jungfernfahrt“ absolvierten die Brüder dann im Februar 2007 bei 3 °C. „Im Winter 2008 haben wir uns erneut ein Tridem gebaut und dabei unsere bisherigen Erfahrungen in Detailverbesserungen umgesetzt: mit neuen Stahlrohren eines italienischen Herstellers, etwas länger und wesentlich steifer für mehr Power am Berg“, berichtet Claß (Details, siehe Infobox).

Besondere Fahrtechnik und ausgiebiges Training

Viele sprechen die Brüder darauf an, ob das Tridem denn schwierig zu fahren sei. „Auf Grund des langen Radstandes benötigen enge Kurven schon einiges an fahrtechnischem Können“, erzählt Claß. Geradeausfahrt, Bergauffahrt oder höhere Geschwindigkeiten von bis zu 80 km/h seien jedoch unproblematisch. Beim Anfahren, besonders am Berg, gibt es ein gemeinsames Kommando:
„1, 2, 3 und los.“ Dies ist wichtig, um auf den ersten Metern das Gleichgewicht zu finden. Während der Fahrt sollte gleichmäßig gekurbelt werden, wilde, ruckartige Bewegungen sind tabu. „In den Satteltaschen nach einem Vesper suchen geht schon mal gar nicht“, erzählt Claß zwinkernd.

Um sich auf die verschiedenen Rennen vorzubereiten (siehe Infobox), wird eifrig trainiert. Regelmäßig werden wöchentlich rund
300 km „abgespult“. Für den Winter haben sich die Brüder für das Tridem einen Rollentrainer gebaut und „es kam auch schon mal vor, dass wir eine ganze Nacht darauf durchgefahren sind just for fun“ (Claß). Für die großen Ausfahrten ab 400 km nimmt das Trio als Konditionstraining an kleineren Brevets von 200 bis 300 km teil. (Ein Brevet ist eine organisierte Langstreckenveranstaltung, bei der eine vorgegebene Strecke innerhalb eines bestimmten
Zeitraums zu fahren und durch Kontrollstempel nachzuweisen ist.) Insgesamt kommt Eugen Claß auf eine Fahrleistung von rund 13.000 km im Jahr: 5.000 km mit dem Tridem, 2.000 km mit dem Mountainbike und 6.000 km für die Fahrten zur Arbeit.

Selbstverständlich legen die Brüder auch großen Wert auf eine gesunde Ernährung: viel Obst, Gemüse, die richtige Menge an Kohlenhydraten und Eiweiß, was nicht immer leicht falle. „Aber nach einem erfolgreichen Brevet werden auch schon mal für einen Tag alle guten Vorsätze über Bord geworfen und der Körper bekommt das, was der Geist sich auf der langen Fahrt erträumt hat.“

Spektakuläre Erlebnisse „en masse“

Bei so vielen abgespulten Kilometern kann Eugen Claß über das eine oder andere spektakuläre Erlebnis und diverse Gänsehauterfahrungen berichten. Beim Rennen „Rund um den Henninger Turm“ wurde das Trio vor dem Start von den Radrennfahrern belächelt und mit Sprüchen wie Biergartenfahrer bedacht. „Nach 30 km allerdings klebten alle an unserem Hinterrad, um den Windschatten auszunutzen. Unser Tempo war so hoch, das sich niemand wagte, in den Wind zu fahren. An diesem Tag wurde die höchste jemals gefahrene Durchschnittsgeschwindigkeit von 42 km/h erzielt. Im Ziel wurden wir dann schließlich respektvoll mit den Worten ,Kärcher-Express‘ begrüßt.“

Landschaftlich besonders schön seien die Touren in Bayern. Am reizvollsten sei der 300-km-Brevet durch das Altmühltal vorbei am Ammersee bis zum Kloster Andechs, wo man dann traditionell einkehrt.

Ein Gänsehauterlebnis hatten die drei Brüder während des Besuchs der Tour de France 2007. Am Tag der Königsetappe fuhren sie mit dem Tridem kurz bevor das Peleton eintraf durch das Zuschauerspalier nach Alpe d’Huez hoch. „Aus unseren Packtaschen ragte noch das Baguette und der Einweggrill. Die Zuschauer waren völlig aus dem Häuschen und feuerten uns ,auf Teufel komm raus‘ an. Wir flogen den kompletten Berg mit einer Gänsehaut hinauf“, schwärmt Eugen Claß.

Auch Kurioses weiß er zu berichten. Während eines Nacht-Fahrt-Brevets, als das Trio gegen 3.00 Uhr bei strömendem Regen am Tegernsee stand, hielt ein Autofahrer an und bot den dreien ein Nachtquartier an. „Er dachte, wir kamen von dem zu der Zeit stattfindenden Seefest und hätten uns wohl etwas verfahren.“

Über einen Fernsehauftritt durften sich die Claß-Brüder auch schon freuen: Als sie an der Altmühl entlang fuhren, wurden sie kurzerhand aus einem fahrenden Auto des Bayerischen Rundfunks heraus gefilmt und interviewt. Dieses war unterwegs, um eine Reportage über das Altmühltal zu drehen.

Hat man da als Hobbyradfahrer noch Träume, gibt es noch sportliche Herausforderungen? Und ob! Eugen Claß möchte mit dem Tridem unbedingt noch am längsten Radrennen der Welt teilnehmen und dabei im vorgegebenen Zeitlimit von zwölf Tagen ins Ziel kommen. Hierbei handelt es sich um das RAAM Race Across Amerika, bei dem in einer Nonstopfahrt von Küste zu Küste eine Distanz von 4.800 km zu bewältigen ist.

Markus J. Targiel | markus targiel@holzmannverlag.de

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