Editorial -

Markus J. Targiel, Redakteur, markus.targiel@holzmann-medien.de Fakten statt Floskeln

„Hiermit bewerbe ich mich um die Stelle als …“ Solche Sätze will man bei der Deutschen Bahn zukünftig nicht mehr lesen (müssen). Der Konzern will es „Bewerbern einfach machen“ und deshalb bei angehenden Azubis auf das Bewerbungsanschreiben verzichten. Zudem soll evaluiert werden, bei welchen Berufsgruppen dieses Vorgehen ebenfalls sinnvoll ist.

Personaler haben nur wenige Minuten Zeit, um sich mit einer Bewerbung auseinanderzusetzen. Und Bewerbungsanschreiben strotzen meist vor nichtssagenden Buzzwords. Laut einer amerikanischen Studie unter 2.000 Personalverantwortlichen lesen 90 Prozent von ihnen das Anschreiben gar nicht und 97 Prozent entscheiden allein auf Grundlage des Lebenslaufs, wer zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird. Also alles richtig gemacht, Deutsche Bahn!?

Doch so einfach ist es nicht. Wer sich aus der Flut von Plattitüden abhebt, nicht das Selbstverständliche betont, und damit seiner Bewerbung den direkten Weg in den Papierkorb ebnet, sondern Fakten statt Floskeln sprechen lässt, kann seine Chancen enorm erhöhen, dass sich die inzwischen entnervte Personalleiterin mit Wohlwollen seiner Bewerbung widmet. Ja, dazu gehört Mühe. Ja, es reicht nicht, Google zu befragen und per „copy & paste“ das Anschreiben zusammenzuschustern. Ja, man kann durchaus Stunden damit verbringen, an Worten zu feilen, nach Formulierungen zu suchen. Und die Mühe wird ein guter Personaler erkennen – und, so denn auch der Lebenslauf stimmt, mit einer Einladung zum Bewerbungsgespräch belohnen.

Es stellt sich die Frage, warum die Deutsche Bahn diesen Weg einschlägt. Die einfachste Erklärung: Man hat bei tausenden Bewerbungen schlicht keine Zeit, die Anschreiben zu lesen und der Lebenslauf ist der entscheidende Faktor. Das wäre bedauerlich. Könnte es aber sein, dass die Deutsche Bahn dem Zeitgeist Rechnung trägt und konsequent handelt? In Zeiten schnelllebiger Kommunikation über Messenger, die zum großen Teil aus Akronymen und Abkürzungen besteht, fällt es vielen jungen Menschen heute schlicht und ergreifend schwer, solch ein Bewerbungsanschreiben originell zu formulieren. Also warum nicht gleich darauf verzichten? Dies wäre noch bedauerlicher.

FYI – die Wahrheit liegt bekanntlich auf dem Platz. Deshalb könnte die Erklärung, warum es soweit kommen musste, einfach sein: Wenn viele Unternehmen in ihren Anzeigen „hohe Leistungsorientierung und gelebte menschliche Werte“ für sich in Anspruch nehmen, sich durch „flache Hierarchien“ auszeichnen und über eine Belegschaft verfügen, die „sich durch Freundlichkeit, Flexibilität, Hilfsbereitschaft und hohe Motivation auszeichnet“, brauchen Sie sich am Ende nicht zu wundern, wenn sich „hochmotivierte, flexible, dynamische und proaktive Teamplayer“ bewerben, die die Anzeige „mit großem Interesse zur Kenntnis genommen“ haben. Eine Rückbesinnung auf schlichte Fakten statt Floskeln wäre unter Umständen der richtige Ausweg aus der Misere – auf beiden Seiten!

Ihr Markus J. Targiel

© rationell-reinigen.de 2019 - Alle Rechte vorbehalten
Kommentare
Bitte melden Sie sich an, um Ihren Kommentar angeben zu können.
Log-in

* Pflichtfelder bitte ausfüllen