Glas und Fassade -

Glanz für alte Fassaden Eiszeit in der Speicherstadt

Wie säubert man eine historische Fassade und erhält dabei ihre Patina? In der von Fleeten durchzogenen Hamburger Speicherstadt setzt ein Reinigungsspezialist aufs Trockeneisstrahlen: Dies sei nicht nur umweltverträglich und wirtschaftlich, sondern bedeutet auch verfahrensbedingt einen geringeren statischen Aufwand für das Baustellengerüst über dem Wandrahmsfleet.

-Die Brücke am Kannengießerort bietet einen schönen Ausblick auf den Wandrahmsfleet, einen der Kanäle der Speicherstadt, die ursprünglich zum Entwässern angelegt und seit langem auch für den Warenverkehr genutzt werden. Eine Barkasse fährt vorbei. Die Stimme des Touristenführers ist noch außerhalb des Ausflugsbootes zu hören. Für viele Hamburg-Besucher gehört die Ende des 19. Jahrhunderts im Stil der Backsteingotik erbaute Speicherstadt zu den unverzichtbaren Zielen. Seit 1991 steht das historische Gebäudeensemble unter Denkmalschutz. Gegenwärtig gibt es Bestrebungen, das ganze Areal, das über 300.000 m² Lagerfläche verfügt, von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkennen zu lassen. Die Häuser der Speicherstadt, Blöcke genannt, ruhen auf rund dreieinhalb Millionen Eichenpfählen, die man bis zu 12 m tief in den Elbschlick gerammt hat. Früher lagen in den Speichern zollfreie Produkte, die von Frachtschiffen auf Schuten umgeladen und in diesen kleinen Schiffen auf den Fleeten weitertransportiert wurden. Von den Schuten zog man die Waren mit Winden auf die Speicherböden und lagerte sie später über die an der Straße gelegenen Luken wieder aus.

Charakter erhalten

Seit 2004 gehört das Areal nicht mehr zum Freihafen und ist somit, ausgenommen der zahlreichen Teppichlager, zollrechtlich Inland. Seitdem vollzieht sich in den Gebäuden der Speicherstadt, in deren unmittelbarer Nachbarschaft die moderne Hafencity mit ihrer hohen Architekturqualität entsteht, ein Wandel. Beispielsweise hin zu attraktiven Büro- und Veranstaltungsräumen sowie zu Show-rooms für effektvolle Präsentationen. Der Umbau wird von der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA), der Besitzerin der Speicherstadt, sehr behutsam betrieben. Begleitend dazu lässt die HHLA die Fassaden der Speicher in neuem Glanz erstrahlen, ohne ihren Charakter zu zerstören. Im Zuge dieser Maßnahmen hat die zu den führenden europäischen Hafenlogistik-Konzernen zählende HHLA die ABB Allgemeine Baugesellschaft Buck GmbH, Hamburg, mit der Grundinstandsetzung eines ehemaligen, im Block R am Wandrahmsfleet liegenden Kaffeespeichers betraut. Auf dessen Böden sollen Räume für hochwertige Waren entstehen. Denkbar sind Modekollektionen oder ausgesuchte Möbel, die dort Einkäufern in einem stilvollen Ambiente angeboten werden könnten.

Den Auftrag zum Säubern der Außenfassaden des Speichers hat Buck nach einer Ausschreibung an den Dienstleister Raabe aus dem schleswig-holsteinischen Barsbüttel vergeben, der in Hamburg eine Niederlassung betreibt. Der Spezialist für Fassadenreinigungen, der auch Farb-, Graffiti- und Schimmelpilzentfernungen, Industriereinigungen, Abbeizarbeiten, Graffitischutzsysteme und Brandschadensanierungen anbietet, kann Erfahrungen mit dem Trockeneisstrahlen vorweisen. Er setzt das Trockeneisstrahlgerät von Kärcher in Innen- und Außenbereichen ein. In diesem Fall besteht Raabes Aufgabe darin, die straßen- und die fleetseitige Fassade des Speichers zu säubern und hierbei ihre Patina zu erhalten.

Gerüst schwebt über dem Fleet

„Bei diesem Einsatz liegt ein wesentlicher wirtschaftlicher Vorteil des Trockeneisverfahrens darin, dass wir mit leichteren Gerüsten auskommen“, erläutert Jens Raabe, der das Dienstleistungsunternehmen leitet. Allerdings war dessen Bau vor der Fleetfront eine Herausforderung, denn das Gerüst muss praktisch über dem Fleet schweben. Es hängt an der Backsteinfassade und ruht zusätzlich auf Doppel-T-Trägern. Würde Raabe mit Wasser oder Strahlmitteln reinigen, entstünde in der Auffangwanne, durch Abwasser oder Strahlmittelrückstände, eine Last von einigen Tonnen. Die könnte das Gerüst nicht tragen. Obendrein fiele mehrmals Aufwand für das Abpumpen und Aufbereiten des Abwassers oder für das Entsorgen der Strahlmittelrückstände an. Trockeneis hinterlässt dagegen nicht einmal Nässe. Die abgelösten Rückstände werden zusammengefegt oder aufgesaugt.

Abgesehen davon wäre eine Verwendung von Wasser oder herkömmlichen Partikeln über dem Fleet, wegen der zu entfernenden umweltbedenklichen Stoffe, ohnehin kritisch zu prüfen. Außerdem dürfte Raabe das Gerüst nicht einfach verbreitern, weil das Fleet als Fahrrinne dient. „Bei einer entsprechenden Sondergenehmigung wären höhere Kosten für das Gerüst und für die aufwendigeren statischen Berechnungen zu erwarten“, erklärt Jens Raabe. Folglich ist das Trockeneisstrahlen allein schon aufgrund des leichteren Gerüstes ohne ökonomische Alternative.

Mit Schallgeschwindigkeit gegen Schmutz

Jens Raabe nimmt die Pistole, die über einen 15 m langen Schlauch mit dem Trockeneisstrahlgerät IB 15/80 auf dem Speicherboden verbunden ist, und strahlt verfestigten CO2-Schnee auf die Oberfläche der Backsteinfassade. Das Trockeneis wird mithilfe von Druckluft auf bis zu Schallgeschwindigkeit beschleunigt und durch die Düse der Pistole gepresst. Wenn die –79 °C kalten Pellets auf die Steine treffen, versprödet die Verschmutzung und bricht auf. Ein Effekt, der auf einer hohen Temperaturdifferenz und auf der kinetischen Energie basiert, die durch die Aufprallgeschwindigkeit entsteht. Nachfolgende Partikel dringen in die Risse ein und gehen dort vom festen Aggregatzustand in den gasförmigen über. Da sich das Volumen hierbei um den Faktor 400 vergrößert, wird der Schmutz geradezu abgesprengt.

Von der Speicherfassade sind atmosphärische und biologische Verunreinigungen, wie Emissionsrückstände, Moose und Algen, zu entfernen. Hinzu kommen Taubenkot und der bei der Innenreinigung des Gebäudes angefallene Baustaub. Ferner müssen Farbreste am seitlichen und oberen metallenen Kantenschutz der Tore beseitigt werden, über die man früher die Waren ein- und auslagerte. Raabe fängt die umweltbedenklichen Stoffe in einer Wanne aus reißfester Folie auf, die er auf der unteren Gerüstebene schlüssig am Mauerwerk und auf der anderen Seite direkt am Gerüst befestigt hat.

Komfortables Handling

„Wir reinigen die 1.500 m² große Gesamtfläche innerhalb von 14 Tagen.“ Ralf Raabe, Vertriebsleiter für Trockeneisanwendungen, deutet auf die Fugen zwischen den Backsteinen. „Die Pellets holen auch loses Material aus den Fugen, das sowieso entfernt werden muss. Insofern erleichtern wir dem Maurer seine Reparaturarbeiten.“

Beim Ice Blaster, mit dem man entschichten, entlacken und entgraten kann, loben die Raabe-Brüder den ergonomischen Griff der Strahlpistole und deren Sicherheitsmechanik gegen unbeabsichtigtes Auslösen. Ebenso die Düse, die nicht durch Vereisen verstopft, und das Schlauchpaket, das eine Einheit aus Druckschlauch und Elektrokabel bildet. Auf diese Weise wird ein Festhaken oder Brechen des Kabels vermieden.

Schonende Reinigung

Da mit dem Trockeneisstrahlgerät korrosionsfrei und kaum abrasiv gearbeitet werden kann, eignet es sich sogar für empfindliche Oberflächen. Zumal sich der Druck von 3 bis 16 bar regulieren und so der jeweiligen Oberfläche anpassen lässt. Für den empfindlichen Backstein der Speicherstadtfassade hat Raabe den Druck auf 6 bar eingestellt. Das Ergebnis gibt ihm recht, denn es zeigt, dass man historischen Fassaden – durch den Einsatz des Trockeneisverfahrens – ihren alten Glanz zurückgeben kann.

Jürgen Warmbold | Fachjournalist

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