Glas und Fassade -

Moderne Architektur als Herausforderung Eine Wolke aus Stahl und Glas

Die BMW Welt in München ist das neue Wahrzeichen des Automobilkonzerns. Im Oktober 2007 wurde der moderne Glas- und Stahlbau eröffnet. Die einzigartige Architektur lässt sich nur mit einem Mix aus Hebebühnen, Teleskopstangensystemen und Höhenarbeitern bezwingen.

-Eine Wolke ist bekanntlich nicht mehr als Wasserdampf, der vom Wind getragen wird und sich innerhalb von Minuten in nichts auflösen kann. 4.000 t Stahl, 55.000 m3 Beton, 14.500 m2 Glas: wenn davon die Rede ist, fällt es schwer sich ein luftiges Gebäude vorzustellen, das wolkengleich zwischen mehrspurigen Straßen, am Mittleren Ring in München stehen soll. Und doch – sie steht. Die BMW Welt, entworfen vom Stararchitekten Prof. Wolf D. Prix, Büro Coop Himmel(b)lau. Die Planung begann 2001. Um das Dach wie eine schwebende Wolke wirken zu lassen, sollte es möglichst wenige sichtbare Stützen geben – zwölf sind es geworden und sie tragen mit 16.000 m2 eine Fläche, so groß, dass sie den Markusplatz in Venedig überspannen könnte. Am 17. Oktober 2007, nach nur vier Jahren Bauzeit, wurde der etwas andere „Wolkenkratzer“ (er ist am höchsten Punkt gerade einmal 28 m hoch) mit 800 geladenen Gästen feierlich eröffnet.

Armin Bornschlegl und seine Kollegen von der ABO Glasreinigung waren zwar nicht unter den Gästen, doch ihnen gehört die BMW Welt dafür mehrmals im Jahr zu später Stunde ganz allein. Ihre Arbeit beginnt, wenn sich die Pforten des Prestigebaus schließen, in dem die Automobilauslieferung, Themenausstellungen, Cafés, Restaurants, ein Junior-Campus, ein BMW Welt Shop und vieles mehr untergebracht sind.

Nanobeschichtung für Lochbleche

Der Spezialist für Glas- und Fassadenreinigung ist in der BMW Welt als Subunternehmer für die Piepenbrock Unternehmensgruppe tätig. Gemeinsam mit A.S. Advanced Service und Hochtief Facility Management bildet Piepenbrock die Arbeitsgemeinschaft ARGE fmDrive. Sie hat 2007 das Facility Management in der BMW Welt für drei Jahre übernommen, seit 2008 gilt der Auftrag auch für das BMW Museum. Weil das Gebäude einzigartig in seiner Form ist, braucht es auch bei der Glas- und Fassadenreinigung ein maßgeschneidertes Konzept. ABO hat sich auf eben solche Objekte spezialisiert. Mit Hubbühnen, Teleskopstangensystemen und Industriekletterern stellt der Dienstleister ein Team von Fassadenprofis, wie es nur wenige andere gibt. Wenn Armin Bornschlegl sagt: „Wir sind sicher weit entfernt, zu den Besten in der Welt zu gehören. Wir bemühen uns aber redlich, eine sehr gute Leistung zu bringen, und sind daher offen für Veränderungen“, klingt es ein bisschen tiefgestapelt. Immerhin hat BMW bereits in der Planungsphase mit dem Dienstleister Kontakt aufgenommen, um ein praxistaugliches Höhenzugänglichkeitskonzept zu erstellen, und ABO als gut genug für seine BMW Welt befunden – immerhin hier sind sie BMW-Weltbeste. In der BMW Welt und um sie herum warten nicht weniger als 30.000 m2 glasperlengestrahlter Edelstahl, 6.000 m2 Außenglas- und 2.000 m2 Innenglasfassade darauf, gesäubert zu werden. Bisher waren zwei Reinigungen, die Bauend- und die Baufeinreinigung nötig. Für den Unterhalt sind zwei Glasreinigungen im Jahr geplant, weitere können nach Bedarf, z.B. vor großen Imageveranstaltungen dazukommen. Das könnte durchaus öfter der Fall sein, denn umgeben vom Mittleren Ring, der Stadtautobahn Münchens, kann sich eine Menge Abgas- und Feinstaub auf den Fensterflächen und den Edelstahllochblechen absetzen. „Was das angeht, sind wir als Dienstleister hier noch in der Lernphase. Wir werden sicher noch die Langzeitwirkung einer hydrophoben Nanobeschichtung der Lochbleche und die Reinigung mit entmineralisiertem Wasser in Kombination mit einer Hochdruckreinigung bei den Lochblechen testen, um für den Kunden das Optimum zu erreichen“, berichtet Bornschlegl von seinen Plänen, während Objektleiter Syla Selman das Lochblech am unteren Ende der Doppelkegelfassade abnimmt, um den schmalen Raum zwischen Außen- und Innenhaut freizulegen.

Zwischen den Welten

Der Doppelkegel ist die erste Station von vieren in dieser Nacht. Der Bau sieht aus, als hätte jemand zwei Fang-den-Hut-Spielfiguren kunstvoll in Zellophahnpapier gewickelt und an ihren Spitzen zusammengeklebt. Der „in Glas und Stahl gebannte Tornadowirbel“, wie auf bmw-welt.com zu lesen ist, ist aber nicht nur der Blickfang des Gebäudes, er dient auch als Hauptauflage für die Dachkonstruktion und schließt mit einem Ring ab, der die Last gleichmäßig verteilt und über die Außenfassade in den Boden ableitet. Der Raum zwischen Außenfassade und Innenhaut ist so eng und läuft so schmal nach oben hin zu, dass kein Gerüst Platz hätte. Ein Fassadenkletterroboter hätte hier die Reinigungsarbeiten übernehmen sollen, so die ursprüngliche Überlegung. Doch die Idee wurde – Glück für die menschlichen Kollegen – wieder verworfen. Nach herkömmlicher Reinigungstechnik müsste Selman gesichert im Zwischenraum hochklettern und dann mit einer Teleskopstange mit Einwascher und Wischer arbeiten. „Da es sich hier um eine Structural-Glazing-Konstruktion handelt, wäre es sehr schwer, ein sauberes Ergebnis zu erreichen. Außerdem hätte der Mitarbeiter wegen der schlechten Standposition große Probleme beim Hantieren mit dem Material“, erklärt er. Der Dienstleister hat sich deshalb für die Variante kurze Teleskopstange (Ionic) plus entmineralisiertes Wasser entschieden. Selman macht es vor. Er steigt ein und sichert sich mit dem Gurtgeschirr. Der Schlauch, der das entmineralisierte Wasser führt, ist mit der Teleskopstange verbunden, dort tritt das Wasser am Bürstenkopf aus. Der Ionentauscher liegt in ein paar Metern Entfernung. „Mit dieser Technik sparen wir etwa 50 Prozent der Zeit gegenüber der Einwaschermethode und schaffen ungefähr 80 m2/h“, ergänzt Bornschlegl.

Rund 1.000 t Stahl wurden im Doppelkegel verbaut. Jedes einzelne seiner Profile ist mit einer individuellen Schablone gefertigt und durfte bei der Konstruktion nur maximal 2 mm von den Vorgaben abweichen. Aber nicht nur die Konstrukteure, auch die Reinigungskräfte müssen hier mit höchster Präzision ans Werk gehen.

Klettern in der Kegelkuppel

Im Doppelkegel präsentiert BMW drei bis vier verschiedenen Themenausstellungen pro Jahr. Nach Ende der Öffnungszeiten staunen nur noch Bornschlegls Mitarbeiter über die Inszenierung: Scheinwerfer kreisen und tauchen die Kuppel in blaues Licht, dazu klingt dezent mystische Musik vom Band. Industriekletterer Markus Lembke nimmt davon nicht viel wahr. Er konzentriert sich auf die Sicherungsarbeiten. Über eine Gangway aus dem Hauptgebäude steigt er in die Kuppel ein. Dort tastet er sich im Gurtgeschirr gesichert am Rand entlang, bis er seine Einsatzstelle erreicht hat.

BMW hat wie gesetzlich vorgeschrieben während der Planung ein Höhenzugänglichkeitskonzept von TAW Weise, Hamburg, erstellen lassen. Zusätzlich haben sich die Planer auf dieser Grundlage mit ABO abgestimmt. Armin Bornschlegl erinnert sich: „Es wurden entsprechend unserer Meinung bewusst Änderungen vorgenommen, z.B. Sicherungshaken an den von uns bevorzugten Stellen installiert.“ Die gute Zusammenarbeit in der Planungsphase ist für ihn der Hauptgrund, warum die Höhenzugänglichkeitsprobleme trotz der extremen Architektur des Gebäudes so gut gelöst werden konnten. Höhenarbeiter Lembke greift nun zu Lappen und Abzieher und beginnt zu wischen. Mit den Knien stützt er sich auf den Edelstahlkanten der Kegelkonstruktion ab – bequem ist es dort oben nicht für ihn, doch Höhenarbeiter sind im Doppelkegel die einzige Lösung. Jeder Einsatz der Kletterer muss von der Berufsgenossenschaft bewilligt werden. „Bevor sie eingesetzt werden, sollen alle technischen Möglichkeiten, bei denen die Reinigungskräfte ,mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben‘ ausgeschöpft werden“, erklärt Bornschlegl, der seit 1999 immer sechs bis sieben ausgebildeten Höhenarbeiter entsprechend der BG-Norm beschäftigt.

Markus Lembke zeigt sein Können aber nicht nur in der Kuppel. Der Zugang zu einigen großen Außenfassadenbereichen ist ebenfalls schwierig, aber lediglich ein Fall für ein kompaktes Teleskopstangensystem. Die Terrasse des Restaurants beispielsweise ist nur teilweise mit Hubarbeitsbühnen zu erreichen. Die weißen Sonnensegel erschweren den Zugang zusätzlich. Mit den Stangen kann Lembke dagegen direkt auf der Terrasse arbeiten und schafft mit seinen geübten Handgriffen etwa 120 m2/h.

Heiße Dusche für den Edelstahl

Im Eingangsbereich gegenüber dem Doppelkegel ragen die Glasflächen fast 20 Meter hoch hinauf, deshalb nehmen die Mitarbeiter dort besonders lange Stangen mit einer Reichweite von maximal 20 m zur Hand. Um den Schmutz auf Glas und Edelstahl besser lösen zu können, setzt der Dienstleister hier ein Heißwassersystem ein. Mit fast 80°C strömt es aus dem Minibus, in dem eine mit Diesel betriebene Aufbereitungsanlage eingebaut ist. Eingetrockneter Vogelkot löst sich darunter in wenigen Sekunden. Ein Komplettreinigung der BMW Welt ist dagegen eine langwierige Angelegenheit: drei Wochen sind sechs bis zehn Mitarbeiter damit beschäftigt. Alle Arbeiten (mit Ausnahme der Reinigung der Dachkonstruktion) müssen abends bzw. nachts ausgeführt werden. Die Hubarbeitsbühnen dürfen sogar erst nach Mitternacht, wenn auch das Restaurant seine letzten Gäste verabschiedet hat, eingesetzt werden. „Wo es Sinn macht, setzen wir natürlich nach wie vor im Innen- und Außenbereich Hebebühnen ein“, sagt Andreas Berleb, Bereichsleiter München der ABO. Das ist der Fall, wenn z.B. Lampen gewartet werden müssen oder die Innenseite der Glasfassade gereinigt werden muss, an der kein Wasser herabrinnen darf. Den geeigneten Untergrund für die Hubarbeitsbühnen hat BMW ebenfalls während der Planungsphase und nach Rücksprache mit dem Dienstleister eingerichtet und angepasst. Die Hebebühnenfahrwege aus Aluminium befinden sich unter den fahrbaren Podesten, auf denen die Fahrzeuge ausgestellt werden.

Stangensystem für das Gebäudeinnere

Die moderne Architektur hält trotz der guten Vorarbeit der Planer noch Herausforderungen für die Reinigungskräfte bereit. Einige Flächen im Gebäudeinneren sind nicht mit der Hebebühne zu erreichen, z.B. die Innenflächen des Glasaufzugs oder die Emporen im Restaurantbereich.

Für diese Fälle hat Bornschlegl eine Neuheit parat, auf die er besonders stolz ist: ein Teleskopstangensystem, das mit entmineralisiertem Wasser reinigt und dennoch für das Gebäudeinnere konzipiert ist. Das System führt zwar Wasser, aber dank einer Vakuumanlage – die zugegebenermaßen nicht ganz geräuscharm arbeitet – ist es möglich, das verbrauchte Wasser am Bürstenkopf direkt wieder von der Scheibe zu saugen. Es erfordert etwas Übung, die Bürste in großer Höhe im richtigen Winkel auf das Glas zu setzen. Noch landen ein paar Wasserspritzer auf dem Boden. Deshalb üben die Mitarbeiter den Einsatz noch an Flächen, die auch mit einer Hubbühne erreicht werden können. „In zwei bis drei Monaten sind wir so soweit, dass nur noch ein paar Tropfen auf den Boden fallen“, ist Bornschlegl zuversichtlich. Wenn die Handhabung 100-prozentig sitzt, sollen damit die Fenster der Empore gereinigt werden. Sie ragt nahe dem Treppenaufgang über eine Bar in den Raum hinein. Dort ist sie unzugänglich für Hubarbeitsbühnen und nur mit aufwändig zu montierenden Gerüsten zu erreichen. Das neue System erübrigt den Einsatz von Gerüsten und Höhenarbeitern. Bornschlegl schätzt, dass mit dieser Methode 60 bis 80 Prozent der Kosten gespart werden können.

Münchener Nächte sind lang

Ihm ist bewusst, dass es sich nicht für jedes Gebäudereinigungsunternehmen lohnt, die Spezialsysteme anzuschaffen. Allein die Anlage, die das entmineralisierte Wasser auf etwa 80°C erhitzt, hat den Wert eines werksneuen Kleinwagens. Auch das Stangensystem für denen Innenbereich hat einen stolzen Preis. „Diese Anlage möchten wir ab März zum Verleih anbieten, dann können auch kleinere Betriebe Spezialaufträge im Gebäudeinneren damit ausführen“, stellt Bornschlegl in Aussicht.

Für heute ist die Übungseinheit am Glasaufzug beendet. Die ABO-Mitarbeiter packen zusammen und rücken ab – hinaus aus der Welt des Automobilherstellers, hinein in Münchens Nacht. Die BMW Welt leuchtet noch und mit etwas müden Augen sieht es fast so aus, als schwebte das Dach wolkengleich darüber.

Rebecca Eisert | rebecca.eisert@holzmannverlag.de

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