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Gefahrstoffe in der Gebäudereinigung: Dieses Programm hilft

Immer wieder gibt es in der Gebäudereinigerbranche Hinweise, dass es ­zwischen Reinigungstätigkeiten und Atemwegserkrankungen Zusammenhänge gibt. Ein Online­­Programm der GISBAU soll Abhilfe schaffen und über Gesundheitsgefahren ­informieren. Welche Vorteile es für Betriebe in der Gebäudereinigerbranche bietet und welche Voraussetzungen für die Nutzung nötig sind.

Gefahrstoffe in der Gebäudereinigung
Um über Gesundheitsgefahren bei Tätigkeiten in der Gebäudereinigung zu informieren, hat die GISBAU das Online-Programm Wingis ins Leben gerufen. -

Im Frühjahr 2018 wurde in einem wissenschaftlichen Artikel über mögliche Atemwegserkrankungen bei Gebäudereinigern berichtet. Selbst, wenn die zugrunde liegende internationale Studie kritische Fragen aufwirft, bleiben Hinweise auf vermehrte Atemwegsprobleme bei Reinigungsarbeiten. Vor allem, weil weitere Studien in dieselbe Richtung weisen.

Im Rahmen dieser Diskussionen über mögliche Atemwegserkrankungen bei Beschäftigten in der Gebäudereinigung ist deutlich geworden, dass Wingis in der Gebäudereinigerbranche nicht umfänglich bekannt ist und daher kaum genutzt wird. Dabei handelt es sich um das Online-Programm des Gefahrstoff-Informationssystems der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (GISBAU), das unter anderem Informationen über die Gesundheitsgefahren von Baustoffen und Reinigungsmitteln bietet.

Das liegt vor allem daran, das nicht alle Reinigungs- und Pflegemittel über einen sogenannten Gefahrstoff-Informationssystem-Code (GISCODE) verfügen, den GISBAU in Zusammenarbeit mit den Sozialpartnern und den Herstellern der Baustoffe zur besseren Einordnung entwickelt hat.

Doch nur mit diesem Code und den Informationen der Hersteller können die Wingis-Informationen erstellt und aktuell gehalten werden.

Was ist der GISCODE?

Beispiel Einordnungskriterien GISCODE

Der GISCODE teilt die Produkte verschiedener Hersteller mit den gleichen Anwendungsprofilen und ähnlichen Gefährdungen in Gruppen ein. Beispielsweise alle Graffiti-Reiniger in die GISCODE-Gruppen M-AB10 und M-AB20. Die Hersteller drucken den GISCODE nach Freigabe durch GISBAU auf ihre Gebinde und geben ihn in Sicherheitsdatenblättern, technischen Merkblättern und weiteren Informationen, zum Beispiel in Katalogen, an.

Die Freigabe erfolgt, wenn GISBAU die Herstellerangaben geprüft hat und diese Angaben mit den Erkenntnissen von GISBAU übereinstimmen. Nur dann darf der GISCODE auf den Gebinden erscheinen. Natürlich müssen die Hersteller weiterhin aktuelle Informationen über ihre Produkte an GISBAU senden.

In vielen Baubranchen ist der GISCODE nahezu komplett umgesetzt. Es gibt kaum noch Baustoffe, auf deren Gebinde kein GISCODE steht. In Ausschreibungen wird der GISCODE genutzt, um produktneutral auszuschreiben. Daneben gibt es Baubranchen, deren Betriebe vor allem Produkte einsetzen, die einem GISCODE zugeordnet sind.

Fachgespräche zu Gefahrstoffen in der Gebäudereinigung

Anlässlich der oben genannten wissenschaftlichen Studie hat die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU) gemeinsam mit den Sozialpartnern des Gebäude­reiniger-Handwerks und den Herstellern von Reinigungsmitteln (IHO) zwei Fachgespräche zu "Gefährdungen durch Gefahrstoffe in der Gebäudereinigung" organisiert. Im ersten Fachgespräch im Juni 2018 wurde die anfangs erwähnte Studie diskutiert und die Messergebnisse der BG BAU bei Reinigungsarbeiten im Wischverfahren vorgestellt.

Zwar konnte für viele GISCODE-Gruppen Entwarnung gegeben werden, die Grenzwerte sind bei diesen Produkten eingehalten. Aber es gibt auch Reinigungsprodukte, bei denen die Grenzwerte überschritten werden. Bei GG 60 und GG 90 ist das vor allem zur Geruchsverbesserung enthaltene Limonen eine Ursache, bei GG 0 das in hohen Konzentrationen enthaltene 2-Butoxyethanol.

Hier sind Schutzmaßnahmen zu ergreifen, es ist Atemschutz zu tragen. Hierauf müssen auch die Hersteller in ihren Informationen wie dem Sicherheitsdatenblatt hinweisen. Bei dem Einsatz der übrigen Grundreiniger werden die Grenzwerte eingehalten.

GISCODE-Grenzwerte bei Grundreinigern

Sprühen versus Wischen: unterschiedliche Konzentration in Atemluft

Die bisherigen Messungen der BG BAU erfolgten beim Wischverfahren. Sobald gesprüht wird, ist mit höherer Belastung zu rechnen. Denn beim Wischen kommen nur die Stoffe in die Atemwege, die einen so hohen Dampfdruck haben, dass sie in merklichen Konzentrationen in die Atemluft kommen. Beim Sprühen hingegen kommen mit dem Sprühnebel Aerosoltröpfchen in die Atemluft und können eingeatmet werden.

Darin sind alle Bestandteile des Reinigers enthalten. Somit auch Stoffe, die aufgrund ihres Dampfdruckes normalerweise nicht in die Atemluft gelangen können. Das bedeutet, dass selbst schwerflüchtige Stoffe eingeatmet werden können. Leider ist in den Sicherheitsdatenblättern und sonstigen Unterlagen wenig zu dieser Problematik ausgeführt.

Als Ergebnis des ersten Fachgesprächs wurde festgehalten: "Da es Hinweise in mehreren Studien zum Zusammenhang zwischen Reinigungstätigkeiten und Atemwegserkrankungen gibt, werden die Teilnehmer (Sozialpartner des Gebäudereiniger-Handwerks, IHO und BG BAU) dies gemeinsam abklären."

Neue Messungen durch BG BAU abwarten

Beim zweiten Fachgespräch im September 2018 wurde thematisiert, dass die Hersteller mit ihren Gebinden mehrere Anwendungen ermöglichen: Spritzen, Schäumen und Sprühen. Insgesamt wird man die weiteren Messungen der BG BAU abwarten müssen, inwieweit beim Sprühen die Konzentration gefährlicher Stoffe in der Atemluft gegenüber dem Wischverfahren erhöht ist.

Dabei darf nicht vergessen werden, dass vielfach auf den Wischlappen gesprüht und dann gewischt wird. Auch bei dieser Vorgehensweise kommen Aerosole in die Atemluft. Die BG BAU ist dabei, dies abzuklären. Eventuell könnte das eine Ursache für die beobachteten Atemwegsprobleme sein.

Was ist GISBAU?

Das Gefahrstoff- Informations- System der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (GISBAU) wurde vor 30 Jahren gestartet. Im Prinzip soll GISBAU für alle in den Mitgliedsbetrieben der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU), sprich für die in Bau- und Reinigerbetrieben, eingesetzten Chemikalien wie Klebstoffe, Lacke, Holzschutzmittel, Mörtel, Dämmstoffe, Asphalt, Reinigungs- und Pflegemittel et cetera verständliche Informationen liefern.

Dazu müssen die Hersteller der Baustoffe und Reinigungsmittel entsprechende Unterlagen an GISBAU geben, vor allem die Sicherheitsdatenblätter ihrer Produkte. GISBAU prüft den Inhalt, "übersetzt" ihre oft doch sehr chemischen Formulierungen in verständliche Sprache, fügt Ergebnisse von Arbeitsplatzmessungen, Recherchen zu geeigneten Schutzhandschuhen sowie weitere Erkenntnisse zu den Inhaltsstoffen der Baustoffe und Reinigungsmittel hinzu und erstellt die Wingis-Informationen.

Aktualisierung der Sicherheitsdatenblätter notwendig

Um dies näher bewerten zu können, wurde nochmals darauf hingewiesen, wie wichtig und notwendig die Aktualisierung der Sicherheitsdatenblätter im GISBAU durch die Hersteller ist − genauso wie die Bereitstellung von Listen mit den Inhaltsstoffen zu den Reinigungs- und Pflegemitteln, ergänzend zu den Angaben in den Sicherheitsdatenblättern.

Vor dem Umgang mit Gefahrstoffen ist eine Gefährdungsbeurteilung durchzuführen. Um alle Gefährdungen der Gesundheit und Sicherheit der Beschäftigten beurteilen zu können, sind unter anderem laut § 6 der Gefahrstoffverordnung (GefStoffV) folgende Punkte zu berücksichtigen:

  • gefährliche Eigenschaften der Stoffe oder Gemische, Grenzwerte.
  • Informationen des Lieferanten, insbesondere im Sicherheitsdatenblatt.
  • Höhe der Exposition.
  • Möglichkeiten einer Substitution.

Gefahrstoffverordnung: Das müssen Betriebe beachten

Weiterhin muss ein Verzeichnis der im Betrieb verwendeten Gefahrstoffe geführt werden (§ 6 (12) ­GefStoffV), in dem unter anderem die Einstufung des Gefahrstoffs (dabei muss auf die entsprechenden Sicherheitsdatenblätter verwiesen werden), die im Betrieb verwendeten Mengenbereiche und die Arbeitsbereiche, in denen Beschäftigte dem Gefahrstoff ausgesetzt sein können, aufgeführt werden müssen. Schließlich ist eine Betriebsanweisung zu erstellen und die Beschäftigten sind zu unterweisen (§ 14 ­GefStoffV).

Wingis bietet Hilfestellung bei Gefahrstoffen

Für alle diese Schritte liefert Wingis Hilfen. Die Wingis-Informationen enthalten Angaben zu den Inhaltsstoffen von Reinigungs- und Pflegemitteln, den Expositionen, möglichen Ersatzstoffen und so weiter. Das Programm erleichtert die Aufstellung eines Gefahrstoffverzeichnisses und liefert Entwürfe für Betriebsanweisungen in 15 Sprachen. Es ist daher im Interesse der Gebäudereinigerbetriebe, dass sich die Hersteller dem GISCODE anschließen und aktuelle Informationen an GISBAU senden.

Ohne diese Unterlagen können die Wingis-Informationen nicht erstellt werden. Fragen Sie den Hersteller der von Ihnen verwendeten Reinigungs- und Pflegemittel, ob er sich beziehungsweise warum er sich noch nicht dem GISCODE angeschlossen hat.

Wie funktioniert Wingis?

Wingis, die Abkürzung von Windows und GISBAU, ist das Programm, mit dem im Internet unter www.wingisonline.de oder nach Herunterladen auf dem eigenen Rechner konkrete Informationen zu den Baustoffen und Reinigungsmitteln abgerufen werden können. Wingis liefert zu jedem Produkt, für das die Hersteller Unterlagen an GISBAU geschickt haben, Informationen für den Unternehmer und für die Beschäftigten.

Die Wingis-Informationen enthalten in verständlicher Sprache Angaben zur Einstufung des Produktes, also des Baustoffs und Reinigungsmittels, über die Inhaltsstoffe, die grundsätzlichen Gesundheitsgefahren, die Ergebnisse von Arbeitsplatzmessungen, über die aus den Arbeitsplatzmessungen sich ergebenden Schutzmaßnahmen und ungefährlichere Alternativen. Für die Beschäftigten gibt es Entwürfe für die gesetzlich vorgeschriebenen Betriebsanweisungen nicht nur in Deutsch, sondern in 15 Sprachen.

Aufruf an Hersteller: dem GISCODE anschließen

Nur wenn viele Gebäudereiniger beziehungsweise -betriebe sich mit diesem Anliegen an die Hersteller der von ihnen eingesetzten Produkte wenden, werden sich noch mehr Hersteller dem GISCODE anschließen. Nur dann können die erwähnten Hilfen von den Gebäudereinigerbetrieben genutzt werden. Ansonsten müssen sich die Betriebe die für die erwähnten Pflichten nach der Gefahrstoffverordnung (vor allem§ 6 und § 14) notwendigen Informationen selbst erarbeiten. Und die mit dem Umgang mit Reinigungsmitteln bestehenden Gefahren selbst ermitteln sowie die notwendigen Schutzmaßnahmen ableiten.

Der Hauptgeschäftsführer der BG BAU, Klaus-Richard Bergmann, hat dazu in einer Pressemitteilung unter anderem erklärt: "Unser Ziel ist es, dass Reinigungsarbeiten zukünftig ausschließlich mit Produkten durchgeführt werden, die mit dem Gefahrstoff-Informationssystem-Code (GISCODE) für Reinigungs- und Pflegemittel gekennzeichnet sind. Auch wir als BG BAU setzen das um. Für Reinigungsdienstleistungen in unseren Verwaltungsgebäuden wird dies ein ­Vergabekriterium sein."

Was ist GefKomm-Bau?

Inzwischen wurde Wingis um einen weiteren Baustein erweitert: GefKomm-Bau, Abkürzung für: Gefahrstoff- Kommuni­kation in der Bauwirtschaft. Damit wird den Betrieben das Eintragen von Daten ins Gefahrstoffverzeichnis deutlich erleichtert und das lästige Aufbewahren von Sicherheitsdatenblättern abgenommen.

Beim erstmaligen Kauf von Chemikalien, auch von Reinigungs- und Pflegemitteln, muss der Hersteller beziehungsweise Händler dem Kunden Sicherheitsdatenblätter aushändigen und bei wichtigen Änderungen an Reinigungs- und Pflegemitteln, zum Beispiel der Rezeptur, sowie bei Änderungen von Einstufungen der Inhaltsstoffe aktuelle Sicherheitsdatenblätter zukommen lassen.

Der Verwender, in diesem Fall der Gebäudereiniger, muss diese Herstellerinformationen zehn Jahre aufbewahren. Dies bedeutet einen erheblichen Aufwand für die Gebäudereinigerbetriebe. Hier bietet die BG BAU Unterstützung. Sofern die im Gebäudereinigerbetrieb verwendeten Reinigungs- und Pflegemittel einem GISCODE zugeordnet sind, sind die Sicherheitsdaten­blätter dieser Produkte in Wingis enthalten.

Somit müssen diese nicht mehr im Gebäudereinigerbetrieb − wie eigentlich gesetzlich vorgeschrieben − zehn Jahre aufbewahrt werden. Die Gebäudereinigerbetriebe sollten daher ihre Lieferanten bitten, sich dem GISCODE anzuschließen und die Sicherheitsdatenblätter bei Wingis einzustellen.

Die Autoren

  • Gerhard Citrich (IG BAU)
  • Horst Keen (Piepenbrock Service GmbH + Co. KG)
  • Dirk Müller (Dirk Müller Gebäudedienste GmbH, alternierender Vorsitzender des Vorstandes der BG BAU)
  • Mathias Neuser (IG BAU, Vorsitzender des Vorstandes der BG BAU)

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