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CARE-Hilfsprojekt in Kambodscha Die Cashews des Herrn Heoun

Michaela Mehls, Pressesprecherin der Dussmann-Gruppe in Berlin, nahm auf Einladung der Hilfs organisation CARE im März dieses Jahres an einer Reise nach Kambodscha teil. Im Mittelpunkt stand das 2007 gestartete „Cambodian Highland Food Security Project (CHIFS)“.

-Alles muss die Straße entlang. Auch die Cashews von Bauer Tong Heoun. Die Straße verläuft quer durch die nordkambodschanische Provinz Ratanakiri und verbindet die Nachbarn Laos, Kambodscha und Vietnam. Bis vor wenigen Monaten gab es nur eine staubige Piste, auf der die Fahrzeuge den roten Sand aufwirbelten. Sand, der überall liegen bleibt, alles überzuckert: die Dächer der Häuser und Hütten, die Bäume, die Menschen, das Vieh. Nun reicht die asphaltierte Straße schon bis Banlung, der Provinzhauptstadt. Chinesen und Vietnamesen haben die Straße gebaut, in dem Bemühen um Einfluss, neue Absatzmärkte für ihre Produkte sowie gesicherte Transportwege zu den Fabriken, die sie in Kambodscha betreiben. Kurz vor der Stadt haben die Bauherren sogar einen bepflanzten Mittelstreifen spendiert.

Über dieses letzte Stück fährt Tong Heoun (56) regelmäßig seine Ernte von seinem Dorf Sik auf den Markt von Banlung, wo er sie an einen Großhändler verkauft. Der Anbau von Cashews ist in dieser Region lange unbekannt gewesen. Heute dienen sie als „cash crops“: Durch den Verkauf verfügt Heoun nun über ein regelmäßiges Einkommen. Bis vor 15 Jahren gab es in Dörfern wie Sik kein Geld, sondern nur Tauschhandel.

Sik, nicht mehr als eine staubige Straße mit 20 Hütten, ist ein Kreung-Dorf. 150 Familien leben hier. Die Kreung gehören zu den ethnischen Minderheiten in Kambodscha - und zu den Ärmsten der Armen. Über das Jahr haben sie immer wieder zu wenig Nahrungsmittel zur Verfügung. „Die Gründe, warum die Ernährung nicht sichergestellt ist, sind komplex. Menschen, die Macht haben, sind nicht hungrig“, sagt Jan Noorlander, CARE-Projektkoordinator, und meint damit sowohl Mangel an Geld ebenso wie den Mangel an Mitspracherecht. Daher startete die internationale Hilfsorganisation CARE Ende 2007 das „Cambodian Highland Food Security Project (CHIFS)“ in Ratanakiri. Zu der Zielgruppe gehören auch Khmer, die wegen Landmangels in diese Provinz gezogen sind.

Alle CARE-Projekte der langfristigen Entwicklung bekämpfen die Ursachen der Armut. Geld fließt nicht direkt an die Hilfsbedürftigen. Im örtlichen CARE-Büro berichtet das Team des CHIFS-Projektes rund um Teammanager Simon, welche Aktivitäten dazugehören, die Ernährungssituation nachhaltig zu verbessern. Die beteiligten Gruppen - derzeit sind 25 Dörfer und 2.700 Familien in das Projekt einbezogen - lernen in Trainings Reissorten kennen, die für ihre Böden geeigneter sind als die traditionellen Sorten.

Neue Bewässerungssysteme werden errichtet, Heimgärten gemeinsam angelegt. Und sie lernen Anbaupflanzen kennen, wie Cashews, über die es kein tradiertes Wissen gab und die Tong Heoun und seiner Familie jetzt zu einer besseren Zukunft verhelfen. Er hat gelernt, dass er den Bäumen auf seiner Plantage mehr Abstand zueinander lassen muss, um den Ertrag pro Hektar deutlich zu steigern.

Auch der Kochwettbewerb auf dem Dorfplatz unter dem Mangobaum wird von einer CARE-Mitarbeiterin organisiert. Gerade läuft die Siegerehrung, die Feuerstellen sind schon kalt. Die Siegerin erhält eine rote Schüssel, die als Fliegenschutz für Nahrungsmittel dient. Sie hat aus den gestellten Grundzutaten sowie Gemüse aus dem Hausgarten das schmackhafteste Gericht zubereitet. Beim Kochwettbewerb geht es darum, mehr Vitamine zuzuführen und die Mahlzeiten abwechslungsreicher zu gestalten. „Diese bestehen fast ausschließlich aus Reis mit Fischpaste. Bislang suchten sie im Wald nach Wurzeln und Gemüse, aber der Wald verschwindet durch Brandrodung rasant. Es fehlt der Ernährung an Kalorien und Nährwert. Dadurch leiden viele an Mangelernährung. 36 Prozent der Kinder sind unterernährt“, erzählt Noorlander.

Das Dörfer wie Sik Unterstützung von außen benötigen, hat seine Gründe. Kambodscha trägt wie einen schweren Rucksack die Schatten der Geschichte mit sich. Es sind nicht die vielen blutigen Kriege, darunter der in Vietnam, und wechselnde Fremdherrschaften, die am schwersten wiegen. Die größte Last stellt die Vergangenheit dar, die noch gar nicht lange her ist.

An einem Donnerstag vor 35 Jahren rissen die Roten Khmer mit ihrem Führer Pol Pot die Macht an sich und das Land mit sich fort in eine dunkle Zeit. Noch am selben Tag zwangen die neuen Machthaber die Bevölkerung Phnom Penhs, die Stadt binnen drei Tagen zu verlassen und sich auf dem Land anzusiedeln. Ein kommunistischer Bauernstaat sollte entstehen, frei von Fremdeinflüssen. Die intellektuelle Elite wurde ermordet: Ärzte, Lehrer, Professoren; oft reichte aber auch das Tragen einer Brille oder Lesen und Schreiben zu können. Familien wurden auseinandergerissen. Alle, auch die Kinder, mussten von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang auf den Reisfeldern arbeiten. Zu essen bekamen sie immer zu wenig, viele verhungerten.

Die dunkle Zeit dauerte bis 1979. Nach Schätzungen kamen damals bis zu eineinhalb Millionen Menschen um - ein Fünftel der kambodschanischen Bevölkerung. Wer überlebte, fand sich in einem Land wieder, in dem es an allem fehlte: Infrastruktur, Schulen, Straßen, Krankenhäuser. Wer heute durch Kambodscha fährt, sieht wenig Fortschritte - wenn, dann kommen sie von außen. Auch von China, einst Unterstützer der Roten Khmer, das die Straßen baut, die das Land braucht und die eines Tages - und schneller, als es gut ist - dazu führen werden, dass die Welt in Dörfer wie Sik vordringt. Mit Strom zum Beispiel. Aber es werden auch Drogen, Krankheiten wie AIDS, Prostitution kommen.

Letzten Oktober kam der Typhon Ketsana. Er brachte in Vietnam riesige Regenmengen mit sich, die auch Ratanakiri überfluteten. „Die Ernte war verloren“, beginnt Noorlander sein Resümee des CHIFS-Projektes, „Nothilfe war nötig und wir arbeiteten, um die Menschen wieder auf die Füße zu bringen.“ Sie „hingen hinter dem Zeitplan hinterher“. Noorlander hat jetzt eine Verlängerung des Projektes auf fünf Jahre beantragt. Denn: „Die Ernährungssicherung ist nicht gesichert.“

Michaela Mehls, Dussmann | markus.targiel@holzmann-medien.de

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