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Kreuzfahrt: Einmal Westeuropa entlang Der Luxus Zeit

Kreuzfahrten boomen. Immer mehr Urlauber wechseln vom Hotelzimmer in die Schiffskabine und bringen dabei andere Erwartungen und Wünsche mit als der klassische Kreuzfahrttourist. Wie Michaela Mehls, Pressesprecherin der Dussmann-Gruppe, aus Berlin.

-Die Hängematten sind schuld. Ich muss wiederkommen. Von einer der Hängematten aus habe ich den Möwen beim Flug zugesehen. Ich habe eine Stunde lang verfolgt, wie die „Queen Mary“, zunächst nur als kleiner Punkt am Horizont erkennbar, immer größer wurde und schließlich an „Mein Schiff“ vorbeizog. Sie musste noch bis New York und hatte es eilig. In der Hängematte liegend, habe ich gleich am ersten Tag für mich beschlossen, dass dieses „mein“ Schiff und diese Reise außerordentlich wunderbar sind.

Im September in zehn Tagen von Hamburg nach Mallorca, einmal Westeuropa entlang verläuft die Route. Aus dem Hamburger Hafen die Elbe hinab, durch den vielbefahrenen Ärmelkanal und die Biskaya, die ihrem stürmischen Image nicht gerecht wird, schließlich durch die Meerenge von Gibraltar vom Atlantik ins Mittelmeer wechselnd, und auf einmal ist die Luft wie Seide. Das ist der Rahmen für meine Kreuzfahrt mit „Mein Schiff“ der TUI. 262,5 m lang, 32,13 m breit, 8,5 m Tiefgang, 962 Passagierkabinen, zehn Restaurants und Bistros, zehn Bars, 11.991 m2 Sonnendecks - und erstaunlich viel Raum für jeden einzelnen. „Die Gäste sollen bei uns Rückzug, Entspannung und guten Service finden“, hatte ich vor der Abreise über das Schiff von TUI Cruises gelesen, das Wohlfühlen stehe über allem. Irgendetwas zwischen einer traditionellen Kreuzfahrt und einem Clubschiff mit Animation, so meine Vorstellung.

Ich bin fest entschlossen, mich zu erholen. Noch eine letzte Aufregung bringt die spätabendliche Ausfahrt aus dem Hamburger Hafen mit sich. Menschen winken an Land, Lotto King-Karl singt „Hamburg meine Perle“ und im Hintergrund steigt ein Feuerwerk in den Himmel. „Wenn ich weit, weit weg, bin in Athen oder auf’m Dom, dann denk ich ,Hamburg meine Perle‘ und singe: Home sweet home!“ In den nächsten zwei Tagen und Nächten steuert das Schiff die französische Küste an. Ich genieße die zahlreichen Seetage, die diese Route mit sich bringt. An diesen Tagen ohne jeden Zeitdruck und ohne jeden Plan scheint selbst Freizeitstress weit weg. Sie verstreichen mit der von TUI versprochenen Entspannung.

Auf dem vollbelegten Schiff sind fast 2.000 Passagiere an Bord. Manchmal frage ich mich: Wo stecken diese Menschen alle? Selbst wenn ich nicht eine der zahlreichen Balkon- oder Verandakabinen gebucht habe - großartig und daher leider ausgebucht - , finde ich überall ein „privates“ Eckchen. Sei es die Hängematte, ein Kuschelsofa in der Aussicht BAR am Heck des Schiffs oder eine der „Entspannungsinseln“ mit iPod-Anschluss. Das sind nicht einsehbare Minibalkone, die man mieten kann. Nur wenn an einem Seetag die Sonne vom Himmel strahlt, wird es rund um das Pooldeck eng.

Meine Tiefenentspannung verhindert, dass ich an einer der zahlreichen Aktivitäten teilnehme; Shuffleboard zum Beispiel, dem Kreuzfahrtklassiker, oder einem der Sportkurse. Auch die größte Panoramasauna auf den Weltmeeren heizt ohne mich ein.

Man verlässt das Schiff nur ungern

Was ich dagegen intensiv nutze, ist die ausgezeichnete Gastronomie. Ich kann - oder muss? - mich entscheiden, ob ich in das Restaurant „Atlantik“ gehe, um ein Viergangmenü zu genießen, oder in die „Blaue Welt Bar“ zum Sushi, oder mir aus einem der Buffetrestaurants oder Bistros etwas hole und draußen in der „Tapas Y Más Bar“ esse. Sie gewinnt meistens, denn der Sonnenuntergang betrachtet sich von hier aus am schönsten. Feste Essenszeiten, Captain’s Dinner, Achtertische, feste Tischnachbarn - all das gibt es nicht. Die einzige Reminiszenz an die Etikette früherer Kreuzfahrtzeiten: Die Herren sollten abends kurze gegen lange Hosen tauschen. Wer sich abends schick machen möchte, fällt nicht auf; wer es bleiben lässt auch nicht.

Wenn ein Landgang ansteht, bedaure ich es fast, „Mein Schiff“ verlassen zu müssen, denn dann beginnt der Freizeitstress. In einem der größten Industriehäfen Europas, im normannischen Le Havre, gilt es, sich eines der letzten Mietautos zu sichern. Ein teures Vergnügen, aber die einzige Möglichkeit, um es bis zu den Stränden zu schaffen, an denen die Alliierten landeten und damit das Ende des Zweiten Weltkriegs einläuteten. Im galizischen Vigo muss ich früh aufstehen, um nicht den Bus nach Santiago de Compostela zu verpassen. Die berühmte Kathedrale, das Ziel aller PiIger auf dem Jakobsweg, birst fast vor Menschen aller Nationalitäten. In Cadiz im Süden Spaniens dann liegt der Hafen nur wenige Meter von der schönen Altstadt entfernt. Cadiz, auch Dreitausendstadt genannt, ist die älteste Stadt Europas.

Einer der schönsten Momente: ein Frühstück an Deck, in Lissabon, unter freiem Himmel, genau unter der Hängebrücke, die den Fluss Tejo überspannt. Die meisten anderen Passagiere sind schon in die Stadt geströmt. Jetzt erhält der Schiffsname eine ganz neue Bedeutung.

Am frühen Morgen des letzten Tages erscheint am Horizont Mallorca, das Ziel dieser Reise. Die Passagiere mit späten Rückflügen dürfen noch bis zum Nachmittag bleiben. Eifersüchtig verfolge ich, wie schon die „Neuen“ von „meinem“ Schiff Besitz ergreifen.

Aber noch lehne ich mich entspannt in der Hängematte zurück und greife zum Buch. Es ist halt nicht nur Luxus, Zeit zu haben. Es fühlt sich noch luxuriöser an, sich Zeit zu nehmen. Das mach ich wieder.

Michaela Mehls, Dussmann | markus.targiel@holzmannverlag.de

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