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Geistig Behinderte integrieren Den Schwachen eine Chance!

Erzgebirgische Räuchermännchen verbreiten vorweihnachtlichen Duft. Der Tisch im Sozialraum des Brauhauses zu Reudnitz in Leipzig ist mit Tannenzweigen und Kerzen geschmückt. Für jeden Werkstattmitarbeiter der Diakonie am Thonberg steht eine prall mit weih nachtlichen Leckereien gefüllte Tüte bereit. Wie jedes Jahr nehmen leitende Mitarbeiter der Brauerei das Nikolausfrühstück zum Anlass, sich bei dem Team für die zuverlässige Arbeit zu bedanken.

-Das Team besteht aus 24 Menschen mit geistiger Behinderung, die in der Brauerei einfache Dienstleistungen verrichten. Als Beschäftigte der Diakonie am Thonberg, einer gemeinnützigen GmbH, sorgen sie u.a. dafür, dass das Leergut wieder der Abfüllanlage zugeführt werden kann. Die Werkstatt konzipiert für Auftraggeber oder Kooperationspartner maßgeschneiderte Leistungspakete. Fachpersonal, das ebenfalls durch den Auftragnehmer gestellt wird, betreut die Werkstattmitarbeiter am Einsatzort. Ziel der Projekte sind eine Beschäftigung nahe am ersten Arbeitsmarkt sowie die gesellschaftliche Integration.

Max zum Beispiel hat früher in einem Heim gelebt. Mit Hilfe des Beschäftigungsprojekts hat er sich so gut weiterentwickelt, dass er vor zwei Jahren in eine betreute Außenwohngruppe ziehen konnte. Durch den Kontakt zu den Mitbewohnern hat der 32-Jährige gelernt, im Rahmen des Möglichen Verantwortung zu übernehmen. Trotz mehrjähriger logopädischer Behandlung kann er sich nur schwer verständigen: „Max hat eine mittelschwere geistige Behinderung. Seine Aussprache ist ,verwaschen‘ und er kann weder lesen noch schreiben“, erläutert Claudia Nitschke, Ergotherapeutin und Gruppenleiterin Logistik in der Diakonie am Thonberg. In der Brauerei ist er aber ein sehr geschätzter Mitarbeiter. Die Gruppenleiterin: „Der junge Mann muss u.a. Bierflaschen von Zwanziger- in handliche Elferkästen packen und wird außerdem an zwei verschiedenen Anlagen eingesetzt.“ Frühmorgens nimmt er die Aufgaben entgegen und erledigt sie selbstständig und zuverlässig. Während des Tagesablaufs muss Max mehrfach den Einsatzort wechseln. Die Vorgesetzten können sich darauf verlassen, dass er pünktlich auf die Minute dort ist, wo er gerade gebraucht wird. Für die Geschäftsleitung der Brauerei Grund genug, den jungen Mann und die anderen Werkstattmitarbeiter auf einer Betriebsfeier zu „Ehren-Reudnitzer“ zu ernennen.

„Seit neun Jahren setzen wir geistig behinderte Menschen, von denen einige auch psychisch beeinträchtigt oder gehörlos sind, sehr nahe am ersten Arbeitsmarkt ein“, berichtet Nitschke. Dieses Modell sei eine echte Alternative zur Beschäftigung in den Werkstätten für behinderte Menschen, in denen die Menschen mit Handicaps mehr oder weniger unter ihresgleichen bleiben. „Gewiss werden auch die ,klassischen‘ Beschäftigungsmöglichkeiten gebraucht. Manche Menschen mit Behinderung sind dort aber unterfordert“, so die Ergotherapeutin.

Förderung von Selbstvertrauen und Teamfähigkeit

Zu den Hauptaufgaben der Werkstattmitarbeiter gehört das Aussortieren von Fremdflaschen, die über die Pfandrückgabe in die Brauerei gelangt sind. „16 bis 25 Prozent des bei uns eingehenden Leerguts unterscheiden sich in Farbe und Design von den unternehmensspezifischen Flaschen“, unterstreicht Dr. Ines Zekert, Pressesprecherin des Leipziger Brauhauses zu Reudnitz. Deshalb werden sie nach dem Aussortieren an die Brauereien zurückgeliefert, aus denen sie ursprünglich in den Handel gelangt sind.

Früher wurden für diese Arbeit Zeitarbeiter, Studenten oder Schüler eingesetzt. Dr. Zekert: „Aufgrund semester- oder ferienbedingten Personalwechsels war aber leider nicht immer die gewünschte Kontinuität gewährleistet.“ Leiharbeiter wiederum würden sich auf die Bedienung der Anlage beschränken, gibt die Pressesprecherin zu bedenken. Die Werkstattmitarbeiter vom benachbarten Thonberg würden hingegen noch manche andere Aufgabe erfüllen. Zum Beispiel müssen immer wieder nicht vollständig geleerte Flaschen ausgeschüttet werden. „Ein leichter Job, für den wir einen jungen Mann mit schwerer geistiger Behinderung einsetzen können“, so Claudia Nitschke.

In der Hauptwerkstatt der Diakonie am Thonberg werden schon seit etlichen Jahren für die Brauerei Holzpaletten repariert. Als die Geschäftsleitung der Brauerei über eine Neuorganisation der Logistik nachdachte, war es nur konsequent, mit der Einrichtung die bewährte Zusammenarbeit zu erweitern. Die Gruppenleiterin: „Wir entwickelten ein Projekt für den Einsatz von Werkstattmitarbeitern bei unserem Kunden.“ Die Werkstatt für Menschen mit Behinderung tritt also als „Dienstleistungsunternehmen“ auf, das das gewünschte Leistungsprofil im Komplettpaket anbietet.

Die Zusammenarbeit bewährt sich seit nunmehr vier Jahren so gut, dass das Team in diesem Jahr auch Sonderaufträge übernommen hat. So werden neben den Elferkästen auch Gebinde von fünf Flaschen Bier samt Glas als „Genießer-Sets“ in attraktive Geschenkkartons verpackt. „Leistungen, die aufgrund relativ geringer Stückzahl nicht maschinell bewältigt werden können. Unsere Werkstattmitarbeiter lernen aber dabei, im Team zu arbeiten, und entwickeln Qualitätsbewusstsein“, beleuchtet Claudia Nitschke den pädagogischen Hintergrund. Das baut Selbstvertrauen auf und keiner der Beschäftigten zwischen 21 und 60 Jahren erzählt mehr, dass er in einer Werkstatt für behinderte Menschen arbeite. „Alle identifizieren sich zu 100 Prozent mit der Brauerei“, freut sich die Gruppenleiterin.

Engagement wird honoriert

Wie überall im Arbeitsleben geht es natürlich auch in einer Werkstatt für behinderte Menschen nicht ohne klare Strukturen und Zuordnung der Kompetenzen. Außer der Ergotherapeutin sind vor Ort drei Heilerziehungspfleger als Gruppenleiter bzw. Gruppenhelfer im Einsatz. Drei nicht behinderte Produktionsmitarbeiter mit unterschiedlichem beruflichen Hintergrund unterstützen die Werkstattmitarbeiter bei der Arbeit. Claudia Nitschke: „Sie sind notwendig, damit das Pensum termingerecht geschafft wird.“

Nach dem Personalschlüssel für Werkstätten für behinderte Menschen ist der Einsatz eines Gruppenleiters auf zwölf Beschäftigte vorgesehen. Weil aber innerhalb des Teams die Behinderungsgrade und Fähigkeiten der Beschäftigten stark differieren und diese in unterschiedlichen Abteilungen arbeiten, ist eine intensivere Begleitung notwendig. Bei der Vorbereitung des Projekts wurden dafür Anforderungs- und Fähigkeitsprofile der Beschäftigten nach MELBA (Merkmalprofile zur Eingliederung Leistungsgewandelter und Behinderter in Arbeit) erstellt.

Vor dem dauerhaften Einsatz in der Brauerei stand für jeden Werkstattmitarbeiter ein mindestens vierwöchiges Praktikum. Claudia Nitschke: „Für Mitarbeiter mit erkennbarem Steigerungspotenzial haben wir die Einarbeitung unter Umständen bis zu einem Vierteljahr verlängert.“ Durch regelmäßige begleitende Förder- und Therapieeinheiten in Räumen, die die Brauerei kostenlos zur Verfügung stellt, wird ein stabiles Sozialverhalten innerhalb des Teams und somit Kontinuität in der Produktivität gewährleistet. Das Entgelt für die Beschäftigten setzt sich aus einem bundeseinheitlichen und einem leistungsabhängigen Steigerungsbetrag zusammen.

Ziel ist eine möglichst umfassende Integration

Der Einsatz erfolgt in zwei versetzten Frühschichten zu jeweils 35 Wochenstunden. Bei Bedarf kann das Team aber auch flexibel eingesetzt werden. Wenn zum Beispiel die Leipziger an einem Sonnabend zum Tag der offenen Tür in die Brauerei eingeladen werden, stehen auch die Werkstattmitarbeiter der Diakonie am Thonberg an ihren Arbeitsplätzen. „Das Team wird durch die Belegschaft der Brauerei akzeptiert“, versichert Dr. Zekert. Die Betriebsausweise der Werkstattmitarbeiter sind sogar mit zwei Logos versehen, nämlich dem der Werkstatt sowie der Brauerei.

„Wir werden weiterhin Projekte für die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung nahe am ersten Arbeitsmarkt entwickeln“, versichert Claudia Nitschke. Die Leistungsprofile würden sich einerseits an der Nachfrage bzw. den Kooperationsmöglichkeiten, andererseits aber auch an den Fähigkeiten künftiger Werkstattmitarbeiter orientieren. „Jedes Jahr werden uns neue Förderschulabgänger, aber auch Menschen, die infolge eines Unfalls oder eines anderen Ereignisses behindert sind, vermittelt“, so die Gruppenleiterin. Ziel der Werkstatt sei es, Menschen mit Behinderung möglichst umfassend in das gesellschaftliche Leben mit einzubeziehen. Dazu gehöre auch die Möglichkeit, den Lebensunterhalt durch Arbeit selbst zu erwirtschaften.

Reinhard Wylegalla | markus.targiel@holzmannverlag.de

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