Das bevorstehende Kreditgespräch verheißt wenig Gutes, wenn der vorab telefonisch geäußerte Hinweis des Kundenberaters von Karl-Werner S., Betriebsinhaber aus dem Ruhrgebiet, ernst zu nehmen ist: Die beabsichtigte Verlängerung des Überziehungskredites auf dem Geschäftskonto ist danach nur zu „erheblich ungünstigeren Bedingungen“ als bisher möglich. Das gilt sowohl für den Zinssatz, der bereits in der Vergangenheit meist mehr als zehn Prozent betrug, als auch für die Befristung. Entgegen der bisherigen Vereinbarung soll die Kredithöhe von 30.000 Euro nur noch für drei Monate gelten, danach muss S. erneut verhandeln und um eine weitere Verlängerung bitten. Angeblich, so begründete der Bankmitarbeiter diese Konditionen, gibt es beim vertragsgerechten Verhalten von S. „erhebliche“ Probleme, über die persönlich gesprochen werden muss.
Verhaltensscoring heißt das Zauberwort
Mit derartigen Gesprächen sollten die Verantwortlichen in Handwerksbetrieben zukünftig vermehrt rechnen. Bankinstitute gehen in der Kundengruppe der Klein- und Mittelbetriebe offenbar vermehrt dazu über, so genannte „Verhaltensscorings“ einzusetzen, um die Bedingungen bei Kreditverträgen und damit vor allem die Höhe des jeweiligen Kreditzinses festzulegen. Schwerpunkt solcher Kreditbeurteilungen bildet vor allem die „Vertragstreue“ bei Betriebsinhabern als Kreditkunden.
Diese Vertragstreue geht je nach Bankinstitut über die pünktlichen Zahlungen der Zins- und Tilgungsraten weit hinaus. So wird bankseitig beispielsweise darauf geachtet, dass Vereinbarungen über die Umsatzverteilung des Betriebes strikt eingehalten werden. Wird im Kreditvertrag also festgelegt, dass „90 Prozent der betrieblichen Umsätze über das Geschäftskonto“ der Hausbank geleitet werden müssen, handelt es sich dabei keineswegs um eine unverbindliche Empfehlung.
Der Kunde übernimmt damit vielmehr eine klar definierte Verpflichtung, der er auch nachkommen sollte. Da die Bank durch die betriebswirtschaftlichen Unterlagen ihres Kunden in der Lage ist, die Umsatzverteilung nachzuvollziehen, gibt es hier in der Regel keine Geheimnisse. Da das Umsatzvolumen häufig unmittelbar mit der Höhe des Kreditzinses verbunden ist, ist es nachvollziehbar, dass der Kreditgeber auf einer entsprechenden Umsatzvereinbarung besteht und diese auch kontrolliert.
„Überziehungsqualität“ im Fokus
Ein weiterer Punkt, der beim Verhaltensscoring auffällt, betrifft die „Überziehungsqualität“: Kreditnehmer, die sich nahezu ununterbrochen am Kreditlimit (oder darüber) des Geschäftskontos bewegen, müssen mit Abstufungen ebenso rechnen wie Handwerker, die mehr oder weniger regelmäßig Probleme haben, bei der Vorlage von Lastschriften für eine entsprechende Kontodeckung zu sorgen. Vor allem dieser Punkt wird von Banken zunehmend automatisiert: Fehlt es bei vorgelegten Lastschriften an der erforderlichen Kontodeckung oder bietet der Überziehungskredit keinen weiteren Spielraum, erfolgt keine Einlösung. Der Kunde wird davon oft erst Tage später in Kenntnis gesetzt.
Die Argumentation der Bank erscheint schlüssig: Im Rahmen der Kontodisposition muss der Kunde für entsprechende Deckung sorgen. Hier kann übrigens auch der jeweilige Kundenberater und unmittelbare Ansprechpartner des Kunden nicht helfen, da auch er meist nicht erfährt, ob die Einlösung einer Lastschrift mangels Kontodeckung verweigert wurde. Dieser Vorgang wird bei vielen Banken nämlich längst zentral gesteuert und ist daher weitgehend unabhängig von der jeweiligen Filiale, bei der das Geschäftskonto geführt wird.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die Details eines Verhaltensscorings für die Qualität der Geschäftsbeziehung zwischen Bank und Handwerksbetrieb von großer Bedeutung sein können. Während die Bank als Kreditgeber auf vertragsgerechtes Verhalten ihres Kunden bestehen kann, darf der Kunde mit entsprechend angemessenen Kreditkosten und vor allem mit einer insgesamt verlässlichen Geschäftsverbindung rechnen.
S. sollte das bevorstehende Bankgespräch also nutzen, um die dort angesprochenen Mängel, wenn sie denn berechtigt sind, zu beheben. Er sollte seinerseits aber auch deutlich machen, dass er bei einer entsprechenden Verbesserung mit einem Entgegenkommen der Bank rechnet. Durch die jederzeit veränderbaren Zinssätze seines Überziehungskredites können gerechtfertigte Zinssenkungen also auch kurzfristig erfolgen.
Dipl.-Betriebswirt Michael Vetter
schreibt über Finanz- und Wirtschaftsthemen und hat mehrere Fachbücher veröffentlicht. Er ist auch Lehrbeauftragter an verschiedenen Hochschulen in den Fachbereichen Wirtschaft.
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Stichwort: Verhaltensscoring
Je nach Kreditinstitut wird das Verhaltensscoring regelmäßig auf der Basis kontenbezogener Kundenmerkmale durchgeführt. Dazu gehören Informationen wie die Anzahl der Monate mit negativem Kontostand ebenso wie die Anzahl von Rücklastschriften bzw. von Rückschecks sowie die Entwicklung der aktuellen Habenumsätze zu den durchschnittlichen Habenumsätzen beispielsweise des vergangenen halben Jahres.
Durch die regelmäßige Ermittlung des daraus resultierenden Scorewertes erhält die Bank ein insgesamt aussagefähiges Bild über das jeweilige Kundenverhalten im Zeitverlauf.
Vorteile des Scorings:
Durch die Standardisierung werden persönliche Präferenzen des beurteilenden Bankmitarbeiters weitgehend ausgeschaltet;
das Verfahren ist objektiv nachvollziehbar;
bei regelmäßiger Überprüfung bzw. Anpassung des Scoringverfahrens kann auf veränderte Kreditverhältnisse relativ schnell reagiert werden;
der Kreditentscheidungsprozess wird für den Kreditgeber durch die Automatisierung wirtschaftlicher und kann somit Ressourcen beispielsweise für zusätzliche Beratung freisetzen.
Nachteile des Scorings:
Der Gesamteindruck des Kreditnehmers, der über die erwähnte Standardisierung hinausgeht und der vor allem durch die persönlichen Erfahrungen des Kreditinstitutes mit seinem Kunden geprägt ist, wird in der Regel nicht berücksichtigt;
möglicherweise unvollständige Datenerhebungen können Einfluss auf das Ergebnis haben;
da Scoringverfahren nicht jedem Betriebsinhaber bekannt sind, kann es zu Akzeptanzproblemen mit der Folge einer Belastung der Kunde-Bank-Beziehung kommen.