Nun ist sie wieder da: die Diskussion über mangelnde Krankenhaushygiene. Entzündet hat sie sich durch einen höchst tragischen Vorfall in der Mainzer Uniklinik. Dort starben drei Babys, nachdem sie eine mit Darmbakterien verseuchte Nährlösung erhielten. Nach allen bisher (zum Redaktionsschluss) bekannten Fakten scheint es sich bei dieser Tragödie wohl eher um das Versagen eines Einzelnen in der Apotheke des Klinikums zu handeln, wo die Infusionen gemischt wurden. Konkret: Vieles deutet darauf hin, dass sich hier jemand nach dem Besuch der Toilette nicht die Hände gewaschen hat. Mangelhaftes Hygieneverhalten eines Einzelnen, das drei Menschenleben kostet – eine unverzeihliche Dummheit!
Bestätigt sich diese Annahme, habe dieser Vorfall, so argumentieren die Verantwortlichen der Mainzer Uniklinik, die offensichtlich um Schadensbegrenzung bemüht sind, zwar mit Hygiene, aber nicht mit Krankenhaushygiene an sich zu tun. Hier liege ein Herstellungsproblem vor und kein Krankenhausproblem.
Ablenkungsmanöver und Haarspalterei – ereifern sich die Kritiker. Und das zu Recht. Denn einem Patienten, der sich im Krankenhaus infiziert – mit unter Umständen lebensbedrohenden Folgen – ist solch eine Haarspalterei nicht zuzumuten. Es sei „Quatsch“, zwischen einer Verunreinigung durch Mitarbeiter und durch andere Patienten zu unterscheiden, sagte Klaus-Dieter Zastrow von der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) gegenüber „Spiegel online“.
Dass eine Diskussion über mangelnde Krankenhaushygiene in Deutschland, die endlich auch zu konkreten Maßnahmen und Ergebnissen führt, überfällig ist, beweisen die immer noch sehr hohen Zahlen der nosokomialen Infektionen: Es sind über 600.000 pro Jahr. Deutsche Krankenhäuser schneiden damit im europäischen Vergleich miserabel ab. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach bemängelt fehlende Hygienestandards und fordert eine bundesweit verbindliche Hygieneverordnung. Zu Recht, denn es ist nicht nachvollziehbar, warum von Bundesland zu Bundesland oder gar von Krankenhaus zu Krankenhaus erhebliche Unterschiede in puncto Krankenhaushygiene bestehen.
Die Debatte über Krankenhaushygiene steht also wieder auf der Agenda. Das ist gut so! Allerdings liegt die Tragik darin, dass es drei toter Babys und zerstörter Familien bedurft hat, damit die Verantwortlichen das längst bekannte Hygieneproblem angehen.
Markus J. Targiel