Aktuelles Heft 5/2012

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Ein (aktuelles) Märchen

Heft 01/2012
 
 
Ein (aktuelles) Märchen
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Max Baumgartner | Bankprokurist i.R.
»Und die Moral von der Geschicht: Verlier den Blick für die Realität nicht.«

Es war einmal eine Landschaft, deren mildes Klima einen üppigen Obstbaumwuchs ermöglichte: mit weißer Blütenpracht im Frühjahr und rotbackigen Äpfeln im Herbst. Eines Tages fanden sich elf Obstbauern zur Gründung einer Vermarktungsgenossenschaft zusammen, um den Vertrieb ihrer Früchte voranzutreiben. Als Geschäftsführer engagierten sie einen gelernten Friseur, der vor allem durch hohe Eloquenz glänzte. Als Schaufenster einigte man sich auf einen Präsentierkorb, zu dem jeder Genosse einen Apfel aus seiner Ernte zu liefern hatte. Trotz einiger Bedenken akzeptierte man schließlich auch einen angestoßenen Apfel eines Genossen vom Südrand der Region.

Der Ehrgeiz von Geschäftsführer und Großbäuerin – eine gelernte Schneiderin, die den Hof geerbt hatte – akquirierte schließlich sechs weitere Obstbauern aus der nächsten Umgebung für die Genossenschaft, die alle je einen Apfel aus eigenem Bestand zum Präsentierkorb beizutragen hatten. Doch wie groß war die Überraschung der beiden führenden Köpfe der Genossenschaft, als eines Tages das zwölfte Genossenschaftsmitglied gestand, einen zur Hälfte bereits geschimmelten Apfel in den Korb geschmuggelt zu haben, was der Geschäftsführer der Genossenschaft übersehen hatte. Tatsächlich bestand die gesamte Ernte des Betrügers aus bereits weitgehend verdorbenen Äpfeln, der diese der Unzuverlässigkeit seiner Erntehelfer und vor allem mangelnder eigener Beaufsichtigung des Personals verdankte.

Da man den Kreis der Genossen zu vergrößern und nicht zu verkleinern gedachte, entschlossen sich Geschäftsführer und Großbäuerin, zu einer Rettungsaktion des gefaulten Apfels aufzurufen (sie sei nämlich „ohne Alternative“) und verstanden es, die Genossen zum Mitmachen zu bewegen. Nun hatten die 16 ehrlichen Obstbauern weitere (gesunde) Äpfel aus eigener Ernte nachzuschießen, die eine Genesung des faulen Apfels bewirken sollten. Zwar warnten anerkannte Fachleute vor derartigen Versuchen, doch das Führungsduo wusste sich klüger.

Als sich der Schimmel zur Verwunderung der Führungsriege auch auf gesunde Äpfel ausbreitete, entschloss man sich, ihn fortzublasen; eine Methode, die man stolz als „Neuland“ feierte. Die Rettungsmaßnahmen verschlangen immer mehr Anteile der Ernten, ohne sichtbaren Erfolg. Zudem begann der einst angestoßene Apfel zu faulen.

Sprachlos war man, als der Sünder wegen familiärer Probleme für einen Eklat sorgte. Die Sorgen scheinen zwar notdürftig bereinigt, doch kann man vor neuen Überraschungen nicht sicher sein. Gleichwohl verstand man die eingeleiteten Hilfsmaßnahmen als solidarisches Handeln zu Gunsten eines Genossen, der zwar nur widerstrebend eigene Nachlässigkeit einzusehen bereit, sie einzudämmen aber nur begrenzt in der Lage ist.

So müssen die Genossen – und wohl auch deren Erben – immer größere Teile ihrer Ernte zum Korb beisteuern, wenn nicht ein gütiges Schicksal den hilfsbereiten Obstbauern noch eine Minute vor dem Zwölf-Uhr-Schlag einen einsichtigen Akteur beschert; vielleicht gelingt es ihm noch, einen kärglichen Rest der eigenen Ernten zu retten.

Max Baumgartner