Aktuelles Heft 5/2012

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Kampf gegen Preisdumping

12,50 Euro sind zu wenig

Heft 8/2010
 
 
12,50 Euro sind zu wenig
Fotostrecke: (3 Bilder)
Beruflich und privat ein perfektes Duo: Evelyne Bodingbauer und Walter Göschl.
Bild: ebr

In der Reinigungsbranche sind sehr viele Frauen beschäftigt. Im Management oder gar als Firmeninhaberin sind die Beispiele allerdings dünn gesät. Wie sich eine gestandene Gebäudereinigungsmeisterin seit Jahren am Markt durchsetzt und auch in der Innung als Praktikerin zur Verbesserung der Rahmenbedingungen beiträgt, zeigt das Beispiel von Eveline Bodingbauer.


Die durchsetzungsstarke Unternehmerin ist seit über 25 Jahren in der Branche tätig. Nach langjähriger Tätigkeit in einem 150 Mitarbeiter großen Reinigungsbetrieb im niederösterreichischen Tulln beschloss sie 1997, sich selbstständig zu machen. Im Jahre 1998 legte sie die Denkmal-, Fassaden- und Gebäudereinigerprüfung in Wien ab und startete am 1. Jänner 1999 ihren Reinigungsservicebetrieb EBR, was sie gleich als Firmenslogan („Einfach besser reinigen“) verwendet.

Der Beginn war nicht einfach, obwohl sich die Jungunternehmerin tüchtig „hineinkniete“. Da ihr Ehemann zwei Jahre zuvor verstarb, waren die finanziellen Mittel knapp, was wiederum mit viel Kreativität und Einsatz ausgeglichen werden musste. Rund um den Firmensitz im Großweikersdorf und im nahen Großraum St. Pölten wurden Büros, Privathäuser und Baustellen gereinigt. Auch Boote, Wohnmobile und private Schwimmbäder werden gemäß dem Firmenmotto „Die etwas andere Reinigung“ zur vollen Kundenzufriedenheit vom Schmutz befreit.

Nach einem kontinuierlichen Mitarbeiteraufbau kam dann der Durchbruch in der Industriereinigung. Als bei der neuen Müllverbrennungsanlage in Dürnrohr ein Dienstleister für die schwierigen Reinigungsaufgaben gesucht wurde, setzte sich der relativ kleine Betrieb mit viel Einsatz und Know-how gegen alle Branchengrößen durch. Der Mitarbeiterstand wuchs schlagartig auf 40 Personen, die nicht nur die Unterhalts-, sondern z.B. auch die turnusmäßige aufwändige Reinigung der Abluftanlagen oder der Sortierlinien ausführten. Dafür wurden auch Industriekletterer benötigt, mit denen man in der Folge gut und intensiv zusammenarbeitete. Weil die Personalsituation am Markt, gerade wenn man einen Großauftrag bekommen hat und plötzlich viele neue Mitarbeiter braucht, nicht eben leicht war und ist, besann sich die findige Unternehmerin auf einen wenig bekannten Personalpool, den Freigängern aus Strafanstalten.

Da Eveline Bodingbauer durch Zufall einen Strafgefangenen beim privaten Hausbau eingesetzt hatte und mit diesem sehr zufrieden war, rief sie kurzerhand bei den Justizverwaltungen der Umgebung an und bekam nach einigen Mühen nach und nach Freigänger, die kurz vor dem Ende ihrer Strafhaft untertags das Gefängnis zum Arbeiten verlassen durften. Diese Notlösung bewährte sich für viele Jahre und es gab nie Probleme. Nicht nur die Verfügbarkeit und das günstige Entgelt („Zum relativ geringen Stundensatz waren keinerlei Nebenkosten zu bezahlen!“), sondern auch die Einstellung zur doch oft ungeliebten Reinigungsarbeit passte, was sich in einer insgesamt sehr guten Arbeitsleistung mit Pünktlichkeit und Verlässlichkeit niederschlug.

Gab es während der Haftzeit mit den Mitarbeitern unter „Staatsaufsicht“ keine Probleme, so änderte sich dies schlagartig, als die soziale Unternehmerin einen dieser Resozialisierungsbedürftigen nach dem Verbüßen seiner Strafe fix als normalen Angestellten übernehmen wollte. In der Freiheit kamen sofort wieder alte Verhaltensweisen mit allen negativen Begleiterscheinungen zum Vorschein, so dass eine rasche Kündigung unvermeidlich war.

Umkämpfter Markt

Scheinbar unvermeidlich war auch das Schielen der großen Mitbewerber am Markt auf den lukrativen Großauftrag in der Müllverbrennungsanlage. Obwohl die genau kalkulierende Unternehmerin mit einem Stundensatz von 14,50 Euro nicht eben üppig entlohnt wird, unterbot sie ein großer Mitbewerber bei einer Neuausschreibung im Vorjahr deutlich. Die Tochter eines deutschen Konzernbetriebes verlangte plötzlich nur mehr 12,50 Euro pro Mitarbeiter und Stunde für die Unterhaltsreinigung sowie für die Industrieanlagenreinigung, was natürlich nie und nimmer kostendeckend sein kann, wie die mit den Verhältnissen vor Ort bestens vertraute Handwerkerin glaubhaft beteuert.

Den Fass des (Dumping-)Bodens schlug dann aber das Angebot für die jährliche Generalreinigung vom gleichen Unternehmen aus. Statt der wohlkalkulierten Summe im mittleren sechsstelligen Bereich („Alleine für die Industriekletterer hatte ich 120.000 Euro zu bezahlen.“) verlangt der Neueinsteiger gerade einmal die Hälfte der bisherigen Auftragssumme. Wie die resolute Unternehmerin betont, hat sie nichts gegen fairen Wettbewerb, aber was zu weit geht, geht zu weit. Sie will diesen Auftragsverlust durch Dumpingpreise allerdings nicht kampflos hinnehmen und hat dafür ein EU-Gesetz gefunden, welches diese Praxis von Großunternehmen, die deutlich kleinere Mitbewerber damit aus dem Markt drängen wollen, verbietet. Obwohl es wie ein Kampf gegen Windmühlen anmutet, will sie ihn durchfechten, um so ein Beispiel in der Branche zu setzen.

Innung wird aktiv

Als Landesinnungsmeisterin der Denkmal-, Fassaden- und Gebäudereiniger ist für sie ein Vorgehen gegen unfaire Praktiken eines ihrer Hauptthemen. Auch die Praxis der Hausbesorger, die sich, statt sich auf ihre erlaubten Tätigkeiten im privaten Bereich zu beschränken, munter bei Kommunen oder bei Großfirmen in fast allen Bereichen, die eigentlich dem ausgebildeten Gebäudereiniger vorbehalten sind, tummeln, gehört ihrer Meinung nach abgestellt. Dafür plant sie die Etablierung von Bezirksstammtischen in ganz Niederösterreich, um dort mit den Kollegen eine Einheit zu bilden.

Trotz einer deutlichen Mitarbeiterreduktion, die der Verlust des Großauftrags mit sich gebracht hat, sieht Eveline Bodingbauer gleich wieder optimistisch in die Zukunft und krempelt die Ärmel auf. So will sie den Bereich „Schädlingsbekämpfung“ forcieren, für den sie sich vor kurzem für die Meisterprüfung angemeldet hat, welche sie im Herbst dieses Jahres ablegen möchte. Auch für die Oberflächenbehandlung von Glas sowie Naturstein wurde sie vor kurzem österreichischer Partner eines namhaften Betriebes, dem Unternehmen Puratio Austria. Evelyn Bodingbauer: „Um dieses einzigartige Verfahren zur professionellen Anwendung zu bringen, wird unser Personal intensiv geschult, damit wir unsere Kunden noch besser bedienen können. Dies soll zusätzlichen Umsatz bringen, genau wie der neue Onlineshop für Reinigungsartikel.“

In diesem Shop hat sie bis jetzt eine Menge an Energie und Kapital investiert und die Verkaufserfolge laufen eben erst an.

Lieber noch würde die moderne Geschäftsfrau den Onlineverkauf in die Bereiche „Private“ und „Gewerbe“ trennen, was allerdings derzeit an den Kosten scheitert. Sie investiert lieber in gezielte Werbung mittels Google Adwords oder im Radio.

Powerpaar

Kraft und Ausgeglichenheit findet die 51-Jährige bei ihrem Lebensgefährten Walter, der sie auch auf ein neues Hobby gebracht hat, welches auch geschäftlich zu verwerten ist. Das Autocross ist seit Jahren ihr erklärtes Hobby. Mit dem EBR-Racing-Team macht das Paar zusätzlich die eigenen Dienstleistungen bekannt. Hier werden auch Rennfahrerkurse für Firmen und Private angeboten. Froh ist die Mutter zweier Kinder („Meine Tochter Linda arbeitet nach einem Intermezzo im Betrieb wieder in der gehobenen Gastronomie und ist gerade auf dem Sprung zu einer Saisonstelle in Deutschland.“), dass ihr Sohn Stefan eine wichtige Stütze im Betrieb ist und sich gerade zum Industriekletterer ausbilden ließ. Auch das Absolvieren der DFG-Meisterprüfung im nächsten Jahr ist fix geplant.

Solcherart ein wenig entlastet im Familienbetrieb hat sich die organisationsstarke Kämpferin bereits wieder einen neue, große Aufgabe in der Innung zusätzlich aufgebürdet. Sie organisiert heuer erstmals das „Fest der chemischen Gewerbe“, der größten Branchenveranstaltung in Niederösterreich. Wer sie kennt, weiß, dass es gut und innovativ wird.

Thomas Mayrhofer | thomas.mayrhofer@rationell-reinigen.at